Ausstellung über Hermann Hesse und Thomas Mann im Museo Hermann Hesse in Montagnola (bis 1. Februar 2009):

Ausstellung über Hermann Hesse und Thomas Mann im Museo Hermann Hesse in Montagnola (bis 1. Februar 2009):

Die Ausstellung wurde als Kooperationsprojekt zwischen den Hesse-Museen in Montagnola und Calw erstellt im Zuge der gerade vollzogenen Partnerschaft der beiden Hesse-Orte Collina d’Oro/Montagnola und Calw. Die Konzeption besorgte Herbert Schnierle-Lutz aus Calw, die Ausstellungsumsetzung Regina Bucher vom Museo Hesse Montagnola.

 

Bei der Vernissage im Museo Hesse am 14. September erläuterte Herbert Schnierle-Lutz zum Thema der Ausstellung:

 

Thomas Mann und Hermann Hesse sind zweifellos die bedeutendsten Repräsentanten der deutschsprachigen literarischen Kultur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dies ist an ihrer weltweiten Wirkung abzulesen, die sie damals hatten und noch immer haben. Auch die Verleihung des Literaturnobelpreises an sie, als der weltweit bedeutendsten Ehrungen auf dem Gebiet der Literatur, belegt dies.

 

Nun werden Thomas Manns und Hermann Hesses Werke allerdings sehr oft nicht als gleichrangige und miteinander korrespondierende Werke gesehen. Insbesondere die deutschsprachige Literaturwissenschaft behandelt die beiden Schriftsteller oft sehr ungleich:

Thomas Manns Werk wird im universitär-akademischen Betrieb große Bedeutung zugesprochen, während Hermann Hesses Werk wesentlich weniger beachtet oder in den Bereich der Unterhaltungsliteratur eingeordnet wird.

 

Auch viele Leser Thomas Manns und Hermann Hesses sehen in den beiden Schriftstellern eher Antipoden als kongeniale Kollegen. Lesern Hermann Hesses erscheint der Schreibstil Thomas Manns oft zu analytisch, gefühlskalt und ironisch. Und vielen Lesern Thomas Manns ist der Schreibstil Hermann Hesses zu gefühlsbetont und bekenntnishaft. Auch bei unvoreingenommener Betrachtung scheint auf den ersten Blick die Distanz eher groß zwischen dem Lübecker Patriziersohn, der auf Repräsentanz und Öffentlichkeitswirkung bedacht war, und dem Calwer Missionarssohn, der lieber abseits lebte und die Öffentlichkeit eher scheute.

 

Mit der kleinen Ausstellung, deren Kern 2005 als Dokumentation für das Calwer Hesse-Museum entstand und die nun mithilfe von Regina Bucher und dem Museo Hesse Montagnola auch museumspädagogisch und optisch attraktiv aufbereitet wurde, wollen wir den Beweis antreten oder zumindest einen Aufklärungsimpuls dahingehend setzen, dass die Meinungen, welche Thomas Mann und Hermann Hesse und ihre Werke als Gegensätze sehen, auf mangelhaften Informationen über die beiden Schriftsteller und ihre Werke beruhen. Unsere Recherchen haben ergeben, dass Thomas Mann und Hermann Hesse in einem weit stärkeren Maße miteinander befreundet und sich innerlich zugetan waren, als das die Öffentlichkeit bislang zur Kenntnis genommen hat.

 

Die nahezu gleichaltrigen Thomas Mann und Hermann Hesse lernten sich bereits 1904 in München als junge Schriftsteller durch die Vermittlung ihres gemeinsamen Verlegers Samuel Fischer kennen. Bereits zuvor hatte Hermann Hesse Thomas Manns großen Erstlingsroman „Buddenbrooks“ sowie den Novellenband „Tristan“ lobend besprochen. Es blieb indes ein Vierteljahrhundert lang bei einem eher distanzierten und sehr sporadischen Kontakt.

 

Erst Ende der 1920er-Jahre, als Thomas Mann mit großem Interesse Hesses „Kurgast“ und auch den „Steppenwolf“ gelesen hatte, der ihn, wie er an Hesse schrieb, „seit langem wieder einmal gelehrt“ habe, „was Lesen heißt“, wurde der Kontakt verbindlicher, was auch dazu führte, dass man sich in St. Moritz bei gemeinsamen Winterferien traf.

 

Zu einer tief empfundenen Freundschaft wurde ihre Beziehung unter dem Druck der 1933 in Deutschland die Macht ergreifenden Nazibarbarei, die sie beide zutiefst ablehnten. Thomas Mann wurde von dieser während einer Lesereise durch die Benelux-Staaten überrascht, und es ist bezeichnend, dass er nach dem Schock, dass er nun nicht mehr ohne Gefahr nach Deutschland zurückkehren konnte, als erstes zu Hermann Hesse nach Montagnola reiste, um mit diesem die Situation zu besprechen. Er wusste von den gemeinsamen Gesprächen in St. Moritz, dass Hesse zum Nationalsozialismus einen klareren Blick hatte als er, der diesen bislang als vorübergehende Revolte des Pöbels abgetan hatte. Die Gespräche mit Hermann Hesse, die ihm neue Orientierung verschafften, bildeten bei Thomas Mann eine Dankbarkeit Hermann Hesse gegenüber aus und bei beiden ein tiefes Empfinden der Gemeinsamkeit, dass sie nun die große von Lessing, Goethe und Schiller herkommende deutsche Geistestradition als deren legitime Erben gegen die nationalsozialistische Entartung in Deutschland verteidigen und bewahren mussten. Dies wurde zum Fundament einer lebenslangen Verbundenheit und Freundschaft, sodass Hermann Hesse 1955 den Tod Thomas Mann wie den Tod eines Geschwisters empfand.

 

Aber auch in den Werken Thomas Manns und Hermann Hesses lassen sich echte Gemeinsamkeiten, ja sogar Synergie-Effekte nachweisen, auf die wir in den Ausstellungsvitrinen durch die Gegenüberstellung einzelner Werke hinweisen wollen.

 

Beide hatten gemeinsame Interessensgebiete, z.B. die Psychoanalyse, die sie als Erste konsequent zur Ausarbeitung ihrer Stoffe einsetzten – Hesse im „Demian“ und Thomas Mann im „Zauberberg“. Auch die Musik spielt in beiden Werken eine bedeutende Rolle; so z.B. in den Romanen „Das Glasperlenspiel“ und „Dr. Faustus“, die beide kriegsbedingt ohne gegenseitigen Kontakt erarbeitet wurden, wobei Thomas Mann über die dennoch vorhandenen thematischen Verwandtschaften der beiden Werke so überrascht war, dass er Hermann Hesse seinen „Dr. Faustus“ mit der Widmung schickte: „Hermann Hesse das Glasperlenspiel mit schwarzen Perlen von seinem Freunde Thomas Mann“. Dadurch brachte er sehr schön bildlich zum Ausdruck, dass sie gemeinsame Themen und Stoffe besaßen, diese aber mit verschiedenen Mitteln ausgestalteten – Hermann Hesse mit weißen Perlen, Thomas Mann mit schwarzen Perlen. Darin liegt wohl auch das Geheimnis, dass sie nicht aufeinander eifersüchtig sein mussten, wie das oft unter Schriftstellern Freundschaft verhindert, sondern einander schätzen und anerkennen konnten: Sie verarbeiteten gemeinsame Stoffe so unterschiedlich, dass die Ergebnisse nicht konkurrierten, sondern sich kongenial ergänzten.

 

Die kleine Ausstellung kann nur einen Horizont zum Thema „Hermann Hesse und Thomas Mann“ aufreißen. Es ist aber zu hoffen, dass sie mit dazu beiträgt, dass die Wissenschaft diesen Impuls aufnimmt und den Gegenstandsbereich vertiefend erforscht. Wir sind überzeugt, dass aus diesem Forschungsprozess Hermann Hesse gestärkt hervorgehen wird und seinen Platz in der Literatur und Literaturwissenschaft dort bekommen wird, wo ihn der Nobelpreisträger Thomas Mann spätestens seit 1930 für ihn reservierte, als er Hermann Hesse seinerseits als Literaturnobelpreisträger vorschlug: nämlich gleichberechtigt an seiner Seite, als zweiter großer Repräsentant der deutschsprachigen Literatur und Kultur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.