Internet transportiert Gedichte, die fälschlicherweise Hermann Hesse zugeschrieben werden

Internet transportiert Gedichte, die fälschlicherweise Hermann Hesse zugeschrieben werden

In den nächsten Wochen werden wieder zahlreiche Weihnachtskarten verschickt werden mit einem Gedicht „Weihnachten“, das Hermann Hesse zugeschrieben wird, aber nicht von ihm stammt. Dies ist einem Phänomen der Neuzeit geschuldet: Die Benutzer haben im Internet gesucht, statt in den maßgeblichen, von Fachleuten geprüften und veröffentlichten Gedichtbänden.

„Ich sehn’ mich so nach einem Land / der Ruhe und Geborgenheit ...“ beginnt das Gedicht „Weihnachten“, das vor einigen Jahren ein unbekannter Mensch verfasst und unter dem Verfassernamen Hermann Hesse ins Internet gestellt hat. Dort wurde es gefunden und mittlerweile auf unzähligen anderen Internetseiten als angebliches Hesse-Gedicht weiterverbreitet.

Eine fast noch größere Verbreitung hat im Internet ein anderes Gedicht, das ebenfalls Hermann Hesse fälschlich unterschoben wurde: Unter der Überschrift „Das Leben, das ich selbst gewählt“ beginnt es „Eh' ich in dieses Erdenleben kam, / ward mir gezeigt, wie ich es leben würde ...“.

Diese Fälschungen sind für Nichtfachleute schwer zu erkennen, da sie in einem nachahmenden Hesse-Ton geschrieben wurden. Die tatsächlichen Verfasser sind unbekannt. Es wäre aber Zeit, dass sie sich endlich zu ihren Werken bekennen würden, anstatt sie einem bekannten Schriftsteller unterzuschieben. Sie könnten dies relativ gefahrlos tun, da diese Gedichte mittlerweile immerhin einen so großen Zuspruch bei Lyriklesern gefunden haben, dass sie sich dafür nicht hinter einem bedeutenderen Schriftsteller verstecken müssen. Vielleicht könnten sie auf diese Weise für sich sogar einen Weg vom Plagiator zum eigenständigen Dichter finden ...

Wer garantiert echte Hesse-Gedichte lesen will, der sollte nicht im Internet suchen, sondern in den zahlreichen von den Verlagen Suhrkamp und Insel veröffentlichten Hesse-Gedichtbänden nachschauen. Maßgeblich ist der über 600 Seiten umfassende Band 10 der zwanzigbändigen „Sämtlichen Werke“ Hermann Hesses, der in seinem ersten Teil nicht nur die Gedichte enthält, die der Dichter noch zu Lebzeiten selbst zusammengestellt hat, sondern darüber hinaus in einem zweiten Teil auch noch die Gedichte, die in seinem Nachlass gefunden wurden.

Und wer die echten Gedichte und Texte Hermann Hesses zum Thema „Weihnachten“ finden will, dem sei als sichere Quelle das von Hesse-Herausgeber Volker Michels edierte Insel Taschenbuch Nr. 2418 „Hermann Hesse: In Weihnachtszeiten. Erinnerungen, Betrachtungen, Gedichte“ empfohlen.

Eingestellt am 23. November 2013 vom Kulturbüro Herbert Schnierle-Lutz