Prosa in Deutsch, Lyrik auf Russisch

Prosa in Deutsch, Lyrik auf Russisch

Stipendiatin Olga Martynova las im Hesse-Musuem. Weil der Abgabetermin im Oktober naht, arbeite sie täglich viele Stunden an der Endfassung ihres vor drei Jahren begonnenen Romans, berichtete Hesse-Stipendiatin Olga Martynova bei ihrer Lesung im Haus Schüz. Die im nordwestlichen Sibirien als Tocher eines Journalisten geborene Russin lebt mit ihrem Mann seit 24 Jahren in Frankfurt. Prosa verfasst Sie in Deutsch, Lyrik in Russisch. Schon mit drei Jahren, so berichtete die Ingeborg Bachmann-Preisträgerin in Calw, habe sie zu dichten begonnen.

 

Einmal mehr souverän und feinfühlig moderiert von Herbert Schnierle-Lutz gewährte die mehrfach ausgezeichnete 52. Stipendiatin der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung Einblicke in ihre Arbeit. In Kontakt mit dem Werk Hesses kam Olga Martynova bereits in jungen Jahren in Russland durch „Unter’m Rad“. In der Hesse-Stadt nun fühle sie sich „sehr wohl“, schließlich sei Frankfurt im Vergleich zu Sankt Petersburg, wo sie bis 1990 lebte, ja auch „eine kleine Stadt.“ Sie gehe in Calw viel spazieren und staune „über die großen Parkhäuser.“

 

Olga Martynova hat im damaligen Leningrad Russische Sprache und Literatur studiert. Es gab damals „einen vorgeschriebenen Rahmen, in dem man schreiben durfte“, erzählte die Schriftstellerin, Lesungen hätten nur in Wohnzimmern stattfinden können. Erst Gorbatschows Perestroika habe hier die Wende hin zu mehr Freiheit gebracht.

 

Im Rahmen eines Stipendiums ihres Mannes Oleg Jurjew lebte Olga Martynova mit dem gemeinsamen Sohn ein Jahr lang auf Schloss Solitude. Auf ihre Erfahrungen mit der Deutschen Sprache angesprochen, die sie seit diesem Aufenthalt sehr gut beherrscht, meinte die Hesse-Stipendiatin: „Jede neue Sprache, jede neue Kultur, jede neue Welt ist eine Bereicherung.“ Natürlich habe sie zu Beginn ihres Aufenthaltes nicht gedacht, „dass ich einmal auf Deutsch schreiben würde.“ Bei der Lyrik jedoch vertraut sie weiterhin auf ihre „brotige, euterwarme“ Muttersprache, bei der Übertragung ins Deutsche arbeitet sie eng mit der ehemaligen Hesse-Stipendiatin Elke Erb (2011) zusammen. „In welcher Sprache träumt, denkt, schreibt, flucht, zählt man“, wurde sie einmal gefragt. Das Zählen geschehe „in der Sprache der Schulkindheit, Fluchen in der Sprache der Umgebung.“ Beim Denken passiere der Wechsel „so schnell, dass ich es nicht merke.“ Fürs Schreiben sei ihr „die Deutsche Sprache zugefallen, als eine weitere Möglichkeit.“ Bildgewaltige Sätze wie „ihr Herz stand ihr in der Kehle und versperrte den Atem“ illustrieren Martynovas meisterhafte Arbeit.

 

Die Hesse-Stipendiatin liest auch während der Arbeit an einem neuen Buch Texte anderer Autoren, denn „wenn man viel liest, kann man besser sprechen, auch mit sich selbst.“

 

Im Calwer Hesse-Museum las die sympathische Autorin aus ihrem 2013 erschienen Erfolgsroman „Mörikes Schlüsselbein“. Distanziert und doch am Schicksal ihrer Figuren Anteil nehmend entwirft Olga Martynova ein Panoptikum skurriler Figuren; Dichter, Schamanen, Spione, Hippies. In kunstvollem Sprachzauber erschafft Sie eine Welt zwischen deutschen Patchworkfamilien und russischen Intellektuellen, in die sich der Leser/Zuhörer förmlich hineingesogen fühlt.

 

Im Kapitel „Schamanenkrankheit“ lässt sie einen alten Hippie sinnieren: „Nicht der Körper ist ein Gefäß. Die Seele ist ein Gefäß für den Körper. Sie ist nicht drin, sondern draußen, eine Hülle. Der Körper ist wie der Wein im Krug. In eine Seele wird immer ein anderer Körper eingeschenkt.

Text und Foto: Andreas Laich