Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und Othmar Schoeck ist erschienen

Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und Othmar Schoeck ist erschienenHermann Hesse und Othmar Schoeck auf dem Schiefen Turm von Pisa. Foto von Fritz Brun

Für Hermann Hesse hatte die Musik einen hohen Stellenwert: „Musik ist die Seele aller Künste“. Und deshalb befanden sich auch stets Musiker unter seinen Freunden. Einer der engsten und bedeutendsten war dabei der Komponist Othmar Schoeck (1886-1957). Zu dessen 130. Geburtstag hat der Schweizer Kanton Schwyz, in dem Schoeck in Brunnen am Vierwaldstätter See aufgewachsen ist, eine Edition des Briefwechsels zwischen Schoeck und Hesse erstellen lassen und in den von der kantonalen Kulturkommission herausgegebenen „Schwyzer Heften“ veröffentlicht.

Der 136 Seiten umfassende Band enthält nicht nur sämtliche erhaltenen Briefe, welche die beiden über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahrzehnten (1911-1957) wechselten, sondern auch eine umfassende Kommentierung, die den Band in drei Kapitel gliedert: 1. Vom Kennenlernen zur Freundschaft. Die Briefe 1911 bis 1917, 2. Die Korrespondenz der aktiven Jahre 1919 bis 1944, 3. Alter, Gesundheit, Arbeiten. Die Briefe 1946 bis 1957.

Im Anhang sind einige Hommagen und Erinnerungen Hermann Hesses an Othmar Schoeck abgedruckt. Schoeck, der von Hesse einmal als „genial schreibfaul“ charakterisiert wurde, liefert seinerseits für diesem Anhang nur einen kurzen Geburtstagsbrief zum 75. Geburtstag Hesses, der 1952 in der „Neuen Schweizer Rundschau veröffentlicht wurde. Dafür steuert ihr gemeinsamer Freund, der Schweizer Dirigent und Komponist Fritz Brun (1878-1959), einen schönen Bericht über die Italien-Reise bei, die sie gemeinsam 1911 unternahmen und die sie von Mailand über Castiglione, Assisi, Spoleto, Orvieto, Siena, Montepulciano und Chiavari nach Rapallo führte. („Dort sahen wir am Ufer Gerhard Hauptmann spazieren. Wir machten einen Bogen um den Dichter und gingen zum Bahnhof. Hesse fuhr an den Bodensee zurück, Schoeck nach Brunnen und ich nach Bern.“

Zu Hesses und Schoecks italienischen Reisezielen vor dem Ersten Weltkrieg ist eine Übersichtskarte im Band zu finden. Überhaupt ist der Band schön illustriert mit Fotos und Dokumenten sowie Faksimiles von Briefen, die teils mit Karikaturen oder kleinen Gemälden geschmückt sind, sowohl von Hermann Hesse als auch von Othmar Schoeck, da beide neben dem Schreiben bzw. Komponieren auch auf diesem Gebiet Talent besaßen.

Der Band wurde erarbeitet von dem Schoeck-Biografen und Musikwissenschaftler Chris Walton und dem Historiker Martin German. In ihrem Vorwort erläutern diese u.a.:

„(...) Schoeck und Hesse lernten sich vermutlich 1911 kennen, als Hesse ein Libretto für Schoeck schreiben wollte. Es kam zwar nie zu einem gemeinsamen musikdramatischen Werk (...), aber es entwickelte sich zwischen den beiden Künstlern eine tiefe, lebenslange Freundschaft, die anscheinend nie getrübt wurde. (...) Schoeck und Hesse bewunderten beide jeweils die Kunst des anderen. Schon 1913 schrieb Hesse im Vorwort zu seiner Eichendorff-Ausgabe: ‚Von den heutigen Musikern hat keiner so schöne Eichendorfflieder komponiert wie der Schweizer Othmar Schoeck.’ Hesses Meinung blieb über die Jahre konstant. Noch 1941 nannte er Schoeck in einem Brief an Alfred Biedermann, ‚den bedeutendsten Liederkomponisten dieser Zeit’. Schoeck verehrte Hesse nicht weniger: ‚Seine Prosa ist die schönste, die ich kenne, (...) als Lyriker ist er unsterblich’, sagte er 1931. (...) Fast über vierzig Jahre vertonte Schoeck etwa zwei Dutzend Gedichte von Hesse. Dieser war der einzige zeitgenössische Dichter, den er regelmäßig vertonte. Seine Hesse-Lieder gehören zu den bedeutendsten Werken, die im Genre des Klavierlieds im 20. Jahrhundert entstanden. Hesse hat einmal die Liedkunst Schoecks treffend zusammengefasst: ‚Ich habe Hunderte von Kompositionen mit Achselzucken oder mit Schaudern über meine Gedichte ergehen lassen. In Schoecks Vertonungen ist nirgends das leiseste Missverständnis des Textes, nirgends fehlt das zarteste Gefühl für die Nuancen, und überall ist mit fast erschreckender Sicherheit der Finger auf das Zentrum gelegt, auf jenen Punkt, wo um ein Wort oder um die Schwingungen zwischen zwei Worten sich das Erlebnis des Gedichtes gesammelt hat. (...) Schoeck liest Verse, wie ein Jäger Wildspuren liest.’“

Im weiteren Verlauf des Vorworts weisen Walton und German außerdem darauf hin, dass Othmar Schoeck für Hermann Hesse ein wichtiger sachkundiger Gesprächspartner für dessen musikalische Fortbildung war, was ihm später z.B. bei seiner Auseinandersetzung mit auch moderner Musik im „Steppenwolf“ behilflich war.

Schwyzer Heft» Nr. 105: Hermann Hesse und Othmar Schoeck – Der Briefwechsel, herausgegeben von Chris Walton und Martin Germann, 136 Seiten mit zahlreichen Abbildungen; ISBN 978-3-909102-67-9; 25 CHF. Zu beziehen über jede Buchhandlung oder bei der Kulturkommission des Kantons Schwyz, Verlag „Schwyzer Hefte“, Postfach 2202, CH-6431 Schwyz, E-Mail: kulturfoerderung.afk@sz.ch

Das Foto auf dem Umschlag des Bandes zeigt Hermann Hesse (links) mit Othmar Schoeck auf dem Schiefen Turm von Pisa im Frühling 1911, fotografiert von Fritz Brun.

Herbert Schnierle-Lutz, 20. September 2016