Hermann Hesse im schwäbisch-alemannischen Kontext

Hermann Hesse im schwäbisch-alemannischen Kontext

Hermann Bausinger, der langjährige Leiter des Ludwig-Uhland-Instituts an der Universität Tübingen und Nestor der Empirischen Kulturwissenschaft, hat im Tübinger Verlag Klöpfer&Meyer eine Schwäbische Literaturgeschichte veröffentlicht, in der natürlich auch Hermann Hesse ein Kapitel gewidmet ist.

Das Kapitel steht am Beginn des letzten Teils des Buches, der „Literarische Wege in die Gegenwart“ beschreibt. Bausinger zeigt darin auf, dass für Hesse neben seiner geistigen Heimat, die er u.a. mit fernöstlicher Weisheit fundierte, auch seine natürliche schwäbisch-alemannische Heimat eine wesentliche Rolle spielte, und kommt dabei zu folgendem Einschätzung:

„Hesses Heimat und Jugend ist nicht nur in dem Schul-Roman ‚Unterm Rad’ verarbeitet, sondern in einer ganzen Reihe von Erzählungen, Anekdoten und Skizzen. Mit der tragischen Geschichte Hans Giebenraths war das Trauma weitgehend überwunden, und was Hesse im Laufe der Jahre sonst an schwäbischen Erinnerungen publizierte, vermittelt viel heimatliche Wärme und heitere Stimmung. Hesse schildert eigenwillige Personen und bunte Szenen, teils aus eigenem Erleben und teils fabulierend nach Überlieferungen aus der Vergangenheit. (...) Hesse griff weit aus – ohne seine indische oder allgemeiner: östliche Orientierung ist er nur halb verstanden. Aber ohne die haltbaren Verbindungen in die schwäbische Heimat auch.“

Bezüglich Letzterem erstaunt etwas, dass Bausinger hierzu Hesses programmatische Schrift zum Thema seiner schwäbischen bzw. alemannischen Verwurzelung, den Aufsatz „Alemannisches Bekenntnis“ von 1919, weder ausgewertet noch erwähnt hat. Darin schrieb Hesse einleitend: „Für mich ist die Zugehörigkeit zu einem Lebens- und Kulturkreis, der von Bern bis zum nördlichen Schwarzwald, von Zürich und dem Bodensee bis an die Vogesen reicht, ein erlebtes, erworbenes Gefühl geworden. Dies südwestdeutsch-schweizerische Gebiet ist mir Heimat. (...) Für mich war Heimat zu beiden Seiten des Oberrheins, ob das Land nun Schweiz, Baden oder Württemberg hieß.“

Nicht ganz befriedigend ist auch die Genauigkeit der biografischen Angaben und Werkbeschreibungen. So wird z.B. geschrieben, Hesse sei von Gaienhofen „im Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs“ ins Tessin gezogen, und solchermaßen seine dazwischen liegende Zeit in Bern von 1912 bis 1919 vergessen. Oder bei der Beschreibung des Romans „Der Steppenwolf“ wird das „Magische Theater“ allzu flott als „Drogenerlebnis“ simplifiziert.

Insgesamt verhindern diese Desiderate aber nicht, eine Leseempfehlung für Hermann Bausingers „Schwäbische Literaturgeschichte“ aussprechen zu können, über welche die „Badische Zeitung“ urteilt: „Gut lesbar und sehr lehrreich.“

Hermann Bausinger: Eine Schwäbische Literaturgeschichte. Verlag Klöpfer&Meyer, Tübingen 2016, 438 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86351-424-2, 28.-- €.

HSL