Vor 70 Jahren: Verleihung des Literaturnobelpreises an Hermann Hesse

Nobelpreisurkunde 1946 für Hermann Hesse

Wie immer am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel (1833-1896), wird in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. In diesem Jahr hat das Fernbleiben des Preisträgers Bob Dylan viel Aufsehen erregt. Aber auch Hermann Hesse ist 1946 nicht nach Stockholm gereist, um den Preis persönlich in Empfang zu nehmen. Stellvertretend hat damals der Schweizer Gesandte in Stockholm, Henry Valloton, den Preis entgegengenommen und eine von Hermann Hesse verfasste Bankettrede vorgelesen. Darin hat Hesse nicht nur sein Fernblieben mit seiner gesundheitlichen Verfassung begründet, sondern auch einige Gedanken zum internationalen Zusammenleben geäußert, die gerade heute wieder sehr aktuell klingen, sodass es sinnvoll erscheint, die Rede hier wieder einmal zur Lektüre anzubieten:

 

Worte von Hermann Hesse zum Bankett anläßlich der Nobelfeier:

"Indem ich Sie bei Ihrem festlichen Zusammensein herzlich und ehrerbietig begrüße, gebe ich vor allem meinem Bedauern darüber Ausdruck, daß ich nicht selbst Ihr Gast sein, Sie begrüßen und Ihnen danken kann. Ich bin stets von sehr zarter Gesundheit gewesen, und die Strapazen der Jahre seit 1933, die mein gesamtes Lebenswerk in Deutschland vernichtet und mich immer und immer wieder mit schweren Pflichten belastet haben, haben mich vollends dauernd invalide gemacht. Doch bin ich geistig ungebrochen und fühle mich mit Ihnen allen vor allem durch den Gedanken verbunden, welcher der Stiftung Nobels zugrunde liegt, den Gedanken von der Über-Nationalität und Internationalität des Geistes und seiner Verpflichtung, nicht dem Kriege und der Zerstörung, sondern dem Frieden und der Versöhnung zu dienen. Darin, daß der mir verliehene Preis zugleich eine Anerkennung der deutschen Sprache und des deutschen Beitrags an die Kultur bedeutet, sehe ich eine Gebärde der Versöhnlichkeit und des guten Willens, die geistige Zusammenarbeit aller Völker wieder anzubahnen.

Doch ist mein Ideal keineswegs eine Verwischung der nationalen Charaktere zugunsten einer geistig uniformierten Gesamtmenschheit. O nein, es lebe die Mannigfaltigkeit, die Differenzierung und Stufung auf unserer lieben Erde! Herrlich ist es, daß es viele Rassen und Völker gibt, viele Sprachen, viele Spielarten der Mentalität und Weltanschauungen. Wenn ich ein Hasser und unversöhnlicher Gegner der Kriege, der Eroberungen und Annexionen bin, so bin ich es unter andrem auch aus dem Grunde, weil diesen finsteren Mächten so viel an geschichtlich Gewordenem, hoch Individualisiertem, reich Differenziertem, an menschlicher Kultur zum Opfer fällt. Ich bin ein Feind der 'grands simplificateurs' und ein Liebhaber der Qualität, des Durchgeformten, Unnachahmlichen. Und so begrüße ich, als Ihr dankbarer Gast und Kollege, Ihr Land Schweden, seine Sprache und Kultur, seine reiche und stolze Geschichte, seine Widerstandskraft im Erhalten und Ausbilden seiner natürlichen Eigenart.

Ich bin nie in Schweden gewesen, aber es ist aus Ihrem Lande schon seit Jahrzehnten manches Gute und Freundliche mir zugekommen seit jenem ersten Geschenk, das ich aus Schweden erhielt: Es war wohl vor vierzig Jahren, und es war ein schwedisches Buch, die Erstausgabe der 'Christuslegenden' mit einer Widmung von der Hand von Selma Lagerlöf. Im Lauf der Jahre habe ich ich mit Ihrem Lande manchen wertvollen Austausch gehabt bis zu dem letzten großen Geschenk, mit dem es mich soeben überrascht hat. Ich spreche ihm meinen tiefempfundenen Dank aus. Hermann Hesse"

HSL