„Das Original deuten, jedes Wort interpretieren“ - Hesse-Stipendiat Oeser beleuchtete Kunst des Übersetzens

„Das Original deuten, jedes Wort interpretieren“ - Hesse-Stipendiat Oeser beleuchtete Kunst des Übersetzens

Er schwärmte von der „wunderbar gelegenen und geschnittenen“ Dichterklause im Haus Schaber am Calwer Marktplatz. Hesse-Stipendiat Hans-Christian Oeser präsentierte sich dem literaturinteressierten Calwer Publikum und erzählte, er könne sich „in der fremden Wohnung ganz anders konzentrieren.“ Im Saal des Hermann-Hesse-Museums vermittelte der mit bedeutenden Preisen dekorierte Gast der Calwer Stiftung Einblicke in die hohe Kunst des Übersetzens: „Eigentlich unmöglich, aber notwendig.“

 

Auch wenn das Übersetzerhandwerk mitunter Assoziationen zur Fließbandarbeit wecke, habe er es doch leichter als viele Autoren, meinte Oeser im Gespräch mit Hesse-Experte Herbert Schnierle Lutz. Denn „die Dinge liegen ja vor, an denen man sich abarbeitet“, begründete der gebürtige Wiesbadener seine Aussage. Nach Jahrzehnten der “Unsichtbarkeit des Übersetzers“ werde dieser zunehmend wieder stärker hervorgehoben, tauche mitunter sogar auf der Titelseite auf. Sogar im Fueilleton werden die Leistungen der literarischen Übersetzer gewürdigt. Wie jüngst auch Hans-Christian Oesers 3 000 Seiten umfassende Übertragung der dreibändigen Mark Twain-Biografie.

 

Bewertungen wie Spiegel, Abbild oder Kopie hält der Hesse-Stipendiat, der lange in Dublin gelebt hat, bei Literatur-Übersetzungen für „negativ und reduktiv“. Der Übersetzer müsse vielmehr „das Original deuten, jedes Wort interpretieren“, folglich unterscheide sich auch jede Übertragung von der anderen. Denn eine gute Übersetzung „ist ein in sich gestaltetes Werk, ein eigenes literarisches Genre“, machte Hans-Christian Oeser deutlich, der bereits mehr als 200 Übertragungen vorweisen kann. Absolute Treue zum Werk würde jedoch bedeuten, den Roman in der Originalsprache zu belassen. „Den wahren Dostojekski werden wir im Deutschen nie kennen lernen, das geht nur im Russischen“, erklärte Oeser. Diese Problematik erwägt der Stipendiat in seinem „Dankeschön-Text“ für die Hermann-Hesse-Stiftung über den Calw-Aufenthalt zu vertiefen.

 

Im Dialog mit Herbert Schnierle-Lutz, dessen vielbeachtete Jack London-Übersetzung „Nordland Storys“ 2016 erschienen ist, wurde eine weitere Schwierigkeit deutlich. So müsse sich der Übersetzter bei seine Arbeit immer wieder die Frage stellen: „Was wird diesem Schriftsteller gerecht, was ist er für eine literarische Persönlichkiet?“ Andernfalls könne es vorkommen, „dass London zu Hemingway wird“, weil der Übersetzer allzusehr dem Zeitgeist folgt.

 

Aus dem Publikum kam die Frage, was die intensive Beschäftigung mit einem Autor mit dem Übersetzer anstelle. Und Hans-Christian Oeser bekannte, dass, selbst wenn man einen Schriftsteller über alles liebe, man zeitweilig „doch auch einigen Verdruss mit ihm“ habe. Das könne bis hin zu „Hassgefühlen, Abscheu und Widerstand“ gehen.

 

Erzählungen von Maeve Brennan und Ray Bradbury standen dann im Mittelpunkt der Lesung. Der Hesse-Stipendiat trug seine Übersetzungen mitreißend und meisterhaft vor, ob humorvolle Kurzgeschichte oder „tröstliche, unbarmherzige“ Familienszene. Am Beispiel eines Gedichts von Thomas Traherne aus der Mitte des 17. Jahrhunderts – „Gedanken sind die wahren Dinge, aus denen Freud und alles Leid entspringt“ – brachte Oeser den Besuchern die besonderen Herausforderungen bei Lyrik-Übersetzungen nahe. Im Bestreben, „das Original in allen Aspekten hinüberzuretten“, sollte der Sinn eines Gedichts „nicht verbogen werden um des Reimes willen.“ Gleichwohl muss die Sprachmelodie erhalten bleiben. Oft ein schwieriges Unterfangen, denn „das Deutsche tendiert zur Länge, in der Verszeile kann das tödlich sein“, formulierte Hans-Christian Oeser.

 

„Mein Grundsatz lautet: Alles ist schwierig“, meinte der Stipendiat, der das Übersetzen als „ganz mystischen, magischen Prozess“ erlebt, mit hintergründigem Lächeln. Einfach ausgedrückt werde in der Übersetzung „etwas mit anderen Worten gesagt.“ Manches lasse sich im Deutschen durchaus eleganter ausdrücken als in anderen Sprachen. Das gelte anders herum jedoch genauso.

 

Ebenso aufschlussreiche wie humorvoll und brillant formulierte Einblicke in die hohe Kunst der literarischen Übersetzens bot dieser Morgen mit dem 57. Calwer Hesse-Stipendiaten. Und das Publikum spendete verdient langen Beifall.

 

Text und Bild: Andreas Laich