„Ich lebe seit zehn Jahren mit dieser Sprache“ - Hesse-Stipendiatin Margherita Carbonaro faszinierte im Haus Schüz

„Ich lebe seit zehn Jahren mit dieser Sprache“ - Hesse-Stipendiatin Margherita Carbonaro faszinierte im Haus Schütz

„Hermann Hesse wäre mit Ihrer Wahl sehr einverstanden gewesen“, konstatierte Hesse-Museumsleiter Timo Heiler bei der jüngsten Lesung in Haus Schüz. Gemeint war die 60. Stipendiatin der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung Margherita Carbonaro, die bis Ende Mai die „Dichterklause“ am Marktplatz bewohnt. Genau wie Hesse vermittle sie zwischen den Kulturen.

 

„Ich bin glücklich, wenn ich wie hier in meinem Zimmerchen arbeiten kann“, erzählte die literarische Übersetzerin, die aktuell bereits das siebte Buch von Herta Müller ins Italienische überträgt. Sie habe „Herta Müllers Sprache verinnerlicht; ich lebe seit fast zehn Jahren mit dieser Sprache und mit dieser Frau“, sagte die Philologin über die Arbeit mit der Nobelpreisträgerin. Kein einziges Wort sei bei Herta Müllers Texten zu viel oder zu wenig. Die Autorin sei „bei jedem Satz dabei“ und jeder Satz mit dem nächsten verbunden. Als Herta Müller, die selbst nicht italienisch spricht, nach einer Lesung bemerkte, „ich habe mich in dem Rhythmus wiedererkannt“, sei dies für sie das schönste Lob gewesen.

 

Herta Müller selbst bemerkte in ihrer Nobelpreis-Rede 2009: „Der Wortklang weiß, daß er betrügen muß, weil die Gegenstände mit ihrem Material betrügen, die Gefühle mit ihren Gesten. An der Schnittstelle, wo der Betrug der Materialien und der Gesten zusammenkommen, nistet sich der Wortklang mit seiner erfundenen Wahrheit ein. Beim Schreiben kann von Vertrauen keine Rede sein, eher von der Redlichkeit des Betrugs.“

 

Jutta Bendt, Leiterin der Bibliothek am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, moderierte einmal mehr angenehm und kenntnisreich. Und erinnerte daran, dass es vor knapp 30 Jahren, als die gebürtige Mailänderin mit ihre anspruchsvoller Arbeit begann, gar keinen Studiengang für literarisches Übersetzen gab. „Meine Schule ist die Arbeit beim Verlag gewesen“, bestätigte die Literaturwissenschaftlerin, die schon früh an diese Berufswahl gedacht hatte. Auch durch das Lektorieren habe sie viel gelernt, sei aber zunehmend „neidisch auf die Übersetzer gewesen“ und für verrückt gehalten worden, die feste Verlagsstelle zu verlassen. Nie jedoch habe sie diesen Schritt bereut.

 

Den Austausch mit dem Autor sucht die temperamentvolle Übersetzerin falls möglich immer, forscht bei Unklarheiten auch penibel nach. In Peking, wo sie einige Zeit gelebt hat, stieß sie bei der Übersetzung eines chinesischen Werks auf militärische Fachbegriffe. Um sie auch wirklich korrekt wiederzugeben, schaltete sie kurzerhand den Militärattaché der Deutschen Botschaft ein.

 

„Die Stimme ist alles“, beschreibt die Literatin das Gefühl, das sich bei der Arbeit an einer Übersetzung bei ihr unbedingt einstellen muss. So sei es ihr auch bei der Neuübersetzung von Max Frischs „Homo Faber“ ergangen. „Die Sprache ist so modern“, erzählt Margherita Carbonaro, habe bei der ersten Übersetzung aber „viel älter als der Originaltext“ gewirkt.

 

Immer wieder kehrte das Gespräch im Calwer Hesse-Museum naturgemäß zur gebürtigen Rumänin Herta Müller zurück, die ihre Werke in Deutsch verfasst, aber selbst bekennt, „das Rumänische schreibt mit.“ Die Übersetzer*innen bringen Titel wie „Der Mensch ist ein großer Fasan in der Welt“ in die Bredouille. Im Englische wurde das Werk mit „The Passport“ betitelt, auch wenn die rumänische Redewendung eigentlich „Der Mensch ist ein großer Verlierer“ bedeutet. „Herztier“ wurde bei einer nicht von Margherita Carbonaro verfassten Übersetzung ins Italienische zu „Das Land der grünen Pflaume“, auch wenn das Buch „alles andere als eine Idylle auf dem Lande schildert“, wunderte sich die Hesse-Stipendiatin. Müllers Nobelpreis-Roman „Atemschaukel“ heißt im Italienischen dann „Schaukel des Atems“, denn nur die Deutsche Sprache kenne „schier endlose Möglichkeiten, Worte zu kombinieren“, stellte Margherita Carbonaro fest.

 

In „Das Leben ist hier – Wolfsburg, eine italienische Geschichte“ hat die Hesse- Stipendiatin in der Autostadt selbst recherchiert und zum 50. Jubiläumsjahr 50 kleine Geschichten über die erste Gastarbeiter-Generation verfasst. „Die chorale Erfahrung der italienischen Community sollte zur Sprache kommen. Was hab ich am Tage der Ankunft empfunden, also das woraus Literatur gemacht wird“, erzählte Margherita Carbonaro. In den Gesprächen sei sie immer auf der Suche nach einer erzählerischen Faden gewesen und habe daraus die kurzen Erlebensgeschichten entwickelt, „eine wunderschöne Arbeit.“ Sätze wie „Der höchste Berg ist die Schwelle deines Hauses“ oder „Man weiß, dass der Emigrant weggeht, aber nicht, ob er wiederkommt“, verdeutlichen die tiefen Empfindungen der Auswanderer.

 

Eine deutsch-italienische Lesung machte abschließend die Schönheit und heitere Lebendigkeit beider Sprachen und Texte deutlich.

 

Bild und Text: Andreas Laich