„Hermann Hesse und Theodor Heuss - eine freundschaftliche Beziehung in wechselhaften Zeiten“ Ausstellung im Museum Hermann Hesse Montagnola

„Hermann Hesse und Theodor Heuss - eine freundschaftliche Beziehung in wechselhaften Zeiten“ Ausstellung im Museum Hermann Hesse Montagnola

9. Juni 2019 bis 2. Februar 2020

Vernissage: Samstag, 8. Juni 2019 um 18.30 Uhr

 

In der Ausstellung dokumentieren Briefe und Fotos, Zeitungsartikel und Buchpublikationen die Entwicklung der Freundschaft zwischen Hermann Hesse und Theodor Heuss, ergänzt durch persönliche Gegenstände aus dem Besitz von Theodor Heuss. Es wird der Kunstliebhaber Theodor Heuss vorgestellt sowie eine Auswahl seiner eigenen Zeichnungen gezeigt, die bei Aufenthalten im Tessin und im Engadin entstanden. Die Ausstellung wurde in enger Zusammenarbeit mit den Nachkommen Theodor Heuss’ eingerichtet und steht unter der Schirmherrschaft des deutschen Botschafters in Bern.

Zur Vernissage sprechen der Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis; der Botschafter der Bunderepublik Deutschland in Bern, Norbert Riedel; Die Bürgermeisterin von Collina d’Oro, Sabrina Romelli; Der Präsident der Fondazione Hermann Hesse, Marc Andreae; der Enkel von Theodor Heuss, Ludwig T. Heuss sowie die Kuratorinnen Regina Bucher und Eva Zimmermann.

 

Es erscheint ein Buch zur Ausstellung in deutscher und italienischer Sprache, herausgegeben von Regina Bucher (Schwabe Verlag Basel).

 

Das Projekt wurde unterstützt von der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Bern, der Repubblica e Cantone Ticino DECS (Swisslos), der Gemeinde Collina d’Oro, der Fondazione Ing. Pasquale Lucchini, der Hermann Hesse-Stiftung Bern, der Ernst Göhner Stiftung und der Geschwister Kahl Stiftung.

 

„Diese Zeilen möchten den Leser bitten, gegen das Schlagwort misstrauisch zu bleiben, das heute mehr als sonst die Sinne verkleistert.“

Theodor Heuss, 1915

 

Das Zitat bezieht sich nicht, wie man meinen könnte, auf das aktuelle Zeitgeschehen, sondern wurde vor mehr als hundert Jahren von Theodor Heuss zur Verteidigung Hermann Hesses in einer deutschen Zeitung veröffentlicht. Diese Worte deuten bereits eine der wichtigen Erkenntnisse an, welche die Kuratorinnen der Ausstellung und des Buches gewonnen haben: Wie Hermann Hesse gehörte Theodor Heuss zu den Menschen, die sich selbst treu bleiben, auch wenn die eigenen Auffassungen nicht dem Mainstream entsprechen und dem Dogma der Zeit entgegen stehen – und genau das war eine Eigenschaft, die beide Männer verband und zu einem wichtigen Pfeiler ihrer Freundschaft wurde.

Hermann Hesse (1877-1962) und Theodor Heuss (1884-1963) waren über Jahrzehnte verbunden, von den frühen beruflichen Kontakten junger Literaten im deutschen Kaiserreich bis zu den späten Begegnungen zwischen einem Schweizer Nobelpreisträger und einem Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Neben der gemeinsamen schwäbischen Herkunft aus bürgerlichem Elternhaus verband sie die Liebe zur Literatur, die sie zusammenführte – der eine als Schriftsteller, der andere als Rezensent.

 

Literaten im Kaiserreich

Früh entwickelte sich eine gegenseitige Wertschätzung, deren Ursprung in dem beiderseitigen Willen lag, sich auch bei kontroversen Themen sachlich, respektvoll und auf eine Verständigung zielend mit dem Gegenüber auseinanderzusetzen. Schon ab 1905 rezensierte Heuss als Journalist regelmässig die neu erscheinenden Bücher Hermann Hesses, ab 1908 lässt sich eine private Korrespondenz zwischen den beiden nachweisen, und zwischen 1912 und 1914 kam es zu persönlichen Begegnungen.

 

Im Ersten Weltkrieg

Theodor Heuss und Hermann Hesse wurden im Ersten Weltkrieg beide aus gesundheitlichen Gründen vom Kriegsdienst freigestellt. Heuss arbeitete weiter als Redakteur der Neckar-Zeitung in Heilbronn, Hesse war ab 1915 in Bern für die deutsche Kriegsgefangenenfürsorge tätig. Während Heuss im Wesentlichen die allgemeinen Ansichten über die deutsche Position im Krieg unterstützte, ohne jedoch in übertriebenen Chauvinismus zu verfallen, distanzierte Hesse sich im Laufe der Jahre und wurde zu einem entschiedenen Kriegsgegner.

 

Im Nationalsozialismus

1918 zog Theodor Heuss mit seiner Familie nach Berlin und betätigte sich dort bis 1932 in vielfältigen Bereichen als Journalist, Schriftleiter, Dozent und als liberaler Politiker auf kommunaler Ebene sowie als Reichstagsabgeordneter. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 verlor er sämtliche Ämter und Mandate. Bis Ende 1936 übernahm er die Redaktion der Zeitschrift Die Hilfe, ohne ein Gehalt zu beziehen, und fand danach eine Nische als Autor von Biografien.

Seine Frau Elly finanzierte in den kommenden Jahren den Lebensunterhalt der Familie, die 1943 aus Sicherheitsgründen nach Heidelberg zog.

Hermann Hesse leistete in der Schweiz unermüdlich Hilfe für Menschen, die vom Nationalsozialismus verfolgt waren. Er galt in Deutschland als unerwünschter Autor und seine Bücher wurden nicht verlegt.

 

Präsident und Preisträger

Nach 1945 begann für beide Männer eine Zeit der Ehrungen und öffentlichen Anerkennung, in der sich ihr Wirkungskreis zunehmend erweiterte. Hermann Hesse wurden Preise und Orden verliehen und seine Werke erreichten Millionen Leser auf der ganzen Welt. Theodor Heuss wurde mit dem Amt des ersten deutschen Bundespräsidenten betraut und erwarb aufgrund seines ausgleichenden, bedächtigen Charakters und seiner Menschlichkeit neben vielen anderen Aspekten nicht nur die Zuneigung der deutschen Bevölkerung und verlieh damit dem neuen Amt eine besondere Wertschätzung, sondern er trug auch auf den ersten Auslandsreisen entscheidend dazu bei, die junge deutsche Republik in die internationale Gemeinschaft einzuführen.

1951 kam es nach vielen Jahren wieder zu einer persönlichen Begegnung mit Hermann Hesse, als Theodor Heuss im Oktober einen zweiwöchigen Urlaub in Locarno verbrachte und zusammen mit seinem Sohn Ernst Ludwig für einen Tag nach Montagnola kam. Dort verbrachte er einen Nachmittag mit Hermann und Ninon Hesse in der Casa Rossa.

Ein intensives Zusammensein ist von August 1957 überliefert, als Heuss und Hesse gemeinsame Wochen im Hotel Waldhaus in Sils Maria verbrachten. Von dieser Begegnung sind intensive Gespräche zwischen den beiden Männern überliefert und einige Fotografien erhalten.

Es ist vermutlich das einzige Mal in ihrem Leben, dass die beiden Freunde sich länger als einen Tag sehen und sprechen konnten.

 

Nachdem Theodor Heuss zwei Amtszeiten als Bundespräsident gewirkt hatte, trat er 1959 in den Ruhestand und zog nach Stuttgart. In den folgenden Jahren widmete er sich erneut dem Schreiben, unternahm Reisen und bewältigte eine noch immer sehr umfangreiche Korrespondenz. Im August 1961 fand eine letzte Begegnung mit Hermann Hesse für einen halben Tag im Hotel Waldhaus statt. Hermann Hesse starb am 9. August 1962 und Theodor Heuss erlag einer längeren Krankheit am 12. Dezember 1963.

 

Quelle:

Fondazione Hermann Hesse

Torre Camuzzi, 6926 Montagnola

info@hessemontagnola.ch

Tel. +41 91 993 37 70

Lu-do 10.30-17.30

www.hessemontagnola.ch