Hesse-Rezeption aktuell: Saša Stanišić, „Herkunft“

Fast unbemerkt taucht Hermann Hesse in einem der meist beachteten Bücher des vergangenen Jahres auf. Im Roman „Herkunft“, für das der 1978 geborene Autor Saša Stanišić 2019 den Deutschen Buchpreis erhielt, muss der siebzehnjährige Piero „für einen ehrgeizigen Deutschlehrer in der Berufsschule“ den „Steppenwolf“ lesen. Piero gehört, wie der Ich-Erzähler der autobiographischen Erzählung selbst, zu einer multinationalen Clique von Jugendlichen, die sich an der Aral-Tankstelle in einem der benachteiligten Vororte von Heidelberg trifft, und dem das Lesen nicht in die Wiege gelegt worden war. Was folgt, ist eine der überzeugendsten Lobpreisungen Hesses seit langem, und der Beweis dafür, dass Hesse noch immer Lesern unmittelbar aus dem Herzen spricht:

„Von Anfang bis Ende“, rief Piero. „In drei Tagen!“ Ich frage, warum ihm das ausgerechnet jetzt einfiel. Ja, weil das Buch so gewesen sei wie Wojteks Gerobbe: Anstrengend, aber geil! Es war das erste Erwachsenenbuch, das Piero als Siebzehnjähriger gelesen hat. Er war erregt. Hingerissen war er. Froh, am Leben zu sein. Er fragte: „Kennst du noch andere, die so sind?“ „Piero, Alter, wie, so? Was meinst du?“ „So… gescheit? In dem Buch standen Sachen über mich, die wusste ich selber noch gar nicht. Zum Beispiel bin ich zu Hause ganz anders als mit euch. Du kannst halt nicht immer ein öder Typ sein, sondern halt auch mal … Wolf.“

Saša Stanišić, „Herkunft“, Luchterhand Literaturverlag 2019, S.205f.

 

Internationale Hermann Hesse Gesellschaft

Isabel Götz