Ein Weihnachtsgruß Hermann Hesses

Hermann Hesse: Weihnachtsbaum, Aquarell 1913

Weihnachten findet in diesem Jahr in einer schwierigen Zeit statt. In einer anderen Zeit, die auf andere Art schwierig war, im Ersten Weltkrieg, hat Hermann 1917 Folgendes zu Weihnachten geschrieben:

"Weihnachten soll uns, wie jedes Fest, nicht bloß eine Rückschau, sondern ein inneres Aufraffen und Zusammenfassen allen guten Willens in uns sein. Denn denen, 'die eines guten Willens sind' gilt die Verheißung.

Eines guten Willens sind wir nicht, wenn wir nur um Verlorenes trauern, uns nur des Unwiederbringlichen erinnern. Wir sind es nur, wenn wir des Besten, Lebendigsten in uns selber bewußt werden und der Stimme dieses Bewußtseins folgen. Wer daran ernstlich denkt, wer in sich das Gelöbnis erneut, seinem Besten treu zu bleiben, der ist in der rechten Stimmung, das Fest zu feiern. Und ihm werden Festglocken und Kerzenlichter, Gesang und Geschenke erst den rechten Wert und Glanz gewinnen."

Auszug aus: Hermann Hesse: Zu Weihnachten. Beitrag für die "Deutsche Internierten-Zeitung", Bern, 16. Dezember 1917. Abgedruckt in: Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Band 15: Die politischen Schriften, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 176