Vor 75 Jahren: Verleihung des Goethe-Preises an Hermann Hesse

[Hermann Hesse 1946, Foto Martin Hesse © Martin Hesse Erben

Mit Beginn seines 70. Lebensjahres erhielt Hermann Hesse endlich die Preise, die seinem Lebenswerk angemessen waren: Am 28. August 1946 bekam er den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, und nur zwei Monate später wurde ihm der Literaturnobelpreis verliehen. Hesse nahm die Ehrungen gelassen hin und dankte in Reden, die für ihn bei den Feiern verlesen wurden, da er zu diesem Zeitpunkt von seinem Tessiner Wohnort aus keine Reisen mehr ins Ausland unternahm.

Der von Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main verliehene Goethe-Preis, der seit 1927 einer der renommiertesten deutschen Preise ist und an Goethes Geburtstag überreicht wird, ist an zwei Voraussetzungen geknüpft:

„Der Goethe-Preis kann einer Persönlichkeit verliehen werden, die durch ihr Schaffen bereits zur Geltung gelangt und deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist.“

Diese beiden Voraussetzungen hatte Hermann Hesse zu diesem Zeitpunkt vollständig erfüllt: Mit seinem großen, 1943 in Zürich erschienenen Spätwerk „Das Glasperlenspiel“ war sein Werk am Höhepunkt angelangt, und dem Andenken und der Würdigung Goethes hatte er sich an mehreren Stellen seines essayistischen Werkes gewidmet, so z.B. in seinem Essay „Dank an Goethe“, den er 1932 für die Zeitschrift „Europe“ geschrieben hatte und der mit den Worten beginnt:

„Unter allen deutschen Dichtern ist Goethe derjenige, dem ich am meisten verdanke, der mich am meisten beschäftigt, bedrängt, ermuntert, zu Nachfolge oder Widerspruch gezwungen hat. Er ist nicht etwa der Dichter, den ich am meisten geliebt und genossen, gegen den ich die kleinsten Widerstände gehabt habe, o nein, da kämen andere vorher: Eichendorff, Jean Paul, Hölderlin, Novalis, Mörike und noch manche. Aber keiner dieser geliebten Dichter ist mir je zum tiefen Problem und wichtigen sittlichen Anstoß geworden, mit keinem von ihnen bedurfte ich des Kampfes und der Auseinandersetzung, während ich mit Goethe immer wieder Gedankengespräche und Gedankenkämpfe habe führen müssen (eines von ihnen steht im „Steppenwolf“, eines von hunderten).“ (Abgedruckt in dem 1932 erstmals veröffentlichten und 1975 von Volker Michels für eine insel taschenbuch-Ausgabe erweiterten Sammelband „Hermann Hesse: Dank an Goethe“.)

Eine weitere Voraussetzung für die Verleihung des Goethe-Preises 1946 an Hermann Hesse ist zweifellos gewesen, dass er zu den weltweit bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern zählte, die sich nicht in den Wahnsinn des Nationalsozialismus verstrickt hatten. Hesses Danksagung für den Preis enthält dazu die berühmt gewordene Ausführung:

„Weder dem Dichter noch dem Menschen Goethe dürfen wir Kinder einer heillosen Zeit uns vergleichen. Immerhin erinnere ich mich einiger seiner Äußerungen über den Charakter der Deutschen mit einem Lächeln und bilde mir in manchen Augenblicken ein, Goethe würde, wenn er unser Zeitgenosse wäre, meiner Diagnose der beiden großen Zeitkrankheiten so halbwegs zustimmen. Zwei Geisteskrankheiten nämlich sind es nach meiner Meinung, denen wir den heutigen Zustand der Menschheit verdanken: der Größenwahn der Technik und der Größenwahn des Nationalismus. Sie geben der heutigen Welt ihr Gesicht und ihr Selbstbewusstsein, sie haben uns zwei Weltkriege samt ihren Folgen beschert und werden, bis sie sich ausgetobt haben noch manche ähnliche Folgen haben. – Der Widerstand gegen diese beiden Weltkrankheiten ist heute die wichtigste Aufgabe und Rechtfertigung des Geistes auf Erden. Diesem Widerstand hat auch mein Leben gedient, eine kleine Welle im Strom.“

(„Danksagung und moralisierende Betrachtung“, in: Hermann Hesse. Sämtliche Werke, Band 14, Betrachtungen und Berichte 1927-1961, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, S. 476.)

 

(HSL)