Vor 75 Jahren wurde Hermann Hesse zum Literaturnobelpreisträger

Im November 1946 wurde Hermann Hesse der Nobelpreis für Literatur verliehen 	 Im November 1946 wurde Hermann Hesse der Nobelpreis für Literatur verliehen ©Suhrkamp Verlag]

Vor 75 Jahren, am 14. November 1946, gab das Nobelpreiskomitee in Stockholm bekannt, dass Hermann Hesse den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommt. Es geschah dies in Anerkennung seines Werkes, das wenige Jahre zuvor, mitten im Zweiten Weltkrieg, durch den Roman "Das Glasperlenspiel" seinen Höhepunkt erreicht hatte. Es geschah sicherlich aber auch vor dem Hintergrund, dass man einen in Deutschland geborenen Schriftsteller hervorheben wollte, um zu zeigen, dass die große, von Goethe und Schiller herkommende Tradition der deutschsprachigen Dichtung durch die Katastrophe des Nationalsozialismus nicht gänzlich ausgelöscht worden war. Hierfür wäre natürlich auch Thomas Mann sehr prädestiniert gewesen, der vom amerikanischen Exil aus vehement mit Radioansprachen gegen das Hitler-Regime gekämpft hatte. Er hatte den Nobelpreis jedoch bereits 1929 verliehen bekommen. Er war es aber, der sein Vorschlagsrecht für Nachfolger beim Preis immer wieder dazu genutzt hatte, Hermann Hesse vorzuschlagen. Dementsprechend gratulierte er Hesse 1946 von Kalifornien aus per Telegramm mit den Worten: ""Finally the gentlemen in Stockholm happened to join my ten years old idea." (Endlich haben sich die Herrschaften in Stockholm meiner zehn Jahre alten Idee angeschlossen.)

Die Nobelpreis-Nachricht erreichte Hermann Hesse in einem Sanatorium in Préfagier am Neuenburger See, wo er wegen gesundheitlicher Probleme bei dem mit ihm befreundeten Arzt Dr. Otto Riggenbach in Behandlung war. In dieser Situation bedeutete der Preis mit seinem ungeheuren Öffentlichkeitstrubel für ihn eher eine zusätzliche Belastung, und eine Reise nach Stockholm zur Verleihfeier war von vornherein ausgeschlossen. Und so verständigte man sich darauf, dass Hermann Hesse eine kurze Dankesrede verfasste, die dann von dem Schweizer Botschafter in Schweden, Henry Valloton, vorgetragen wurde:

"Indem ich Sie bei Ihrem festlichen Zusammensein herzlich und ehrerbietig begrüße, gebe ich vor allem meinem Bedauern darüber Ausdruck, daß ich nicht selbst Ihr Gast sein kann. Ich bin stets von sehr zarter Gesundheit gewesen, und die Strapazen der Jahre seit 1933, die mein gesamtes Lebenswerk in Deutschland vernichtet und mich immer und immer wieder mit schweren Pflichten beladen haben, haben mich vollends dauernd invalide gemacht. Doch bin ich geistig ungebrochen und fühle mich mit Ihnen allen vor allem durch den Gedanken verbunden, welcher der Stiftung Nobels zugrunde liegt, den Gedanken von Über-Nationalität und Internationalität des Geistes und seiner Verpflichtung, nicht dem Krieg und der Zerstörung, sondern dem Frieden und der Versöhnung zu dienen. Darin, daß der mir verliehene Preis zugleich eine Anerkennung der deutschen Sprache und des deutschen Beitrags an die Kultur bedeutet, sehe ich eine Gebärde der Versöhnlichkeit und des guten Willens, die geistige Zusammenarbeit aller Völker wieder anzubahnen.

Doch ist mein Ideal keineswegs eine Verwischung der nationalen Charaktere zugunsten einer geistig uniformierten Gesamtmenschheit. O nein, es lebe die Mannigfaltigkeit, die Differenzierung und Stufung auf unserer lieben Erde! Herrlich ist es, daß es viele Rassen und Völker gibt, viele Sprachen, viele Spielarten der Mentalität und Weltanschauungen. Wenn ich ein Hasser und unversöhnlicher Gegner der Kriege, der Eroberungen und Annexionen bin, so bin ich es unter andrem auch aus dem Grunde, weil diesen finsteren Mächten so viel an geschichtlich Gewordenem, hoch Individualisiertem, reich Differenziertem an menschlicher Kultur zum Opfer fällt. Ich bin ein Feind der 'grands simplificateurs' und ein Liebhaber der Qualität, des Durchgeformten, Unnachahmlichen. Und so grüße ich, als Ihr dankbarer Gast und Kollege, Ihr Land Schweden, seine Sprache und Kultur, seine reiche und stolze Geschichte, seine Widerstandskraft im Erhalten und Ausbilden seiner natürlichen Eigenart.

Ich bin nie in Schweden gewesen, aber es ist aus Ihrem Lande schon seit Jahrzehnten manches Gute und Freundliche mir zugekommen seit jenem ersten Geschenk, das ich aus Schweden erhielt: Es war wohl vor vierzig Jahren, und war ein schwedisches Buch, die Erstausgabe der 'Christuslegenden', mit einer Widmung von der Hand von Selma Lagerlöf. Im Laufe der Jahre habe ich mit Ihrem Land manchen wertvollen Austausch gehabt bis zu dem letzten großen Geschenk, mit dem es mich soeben überrascht hat. Ich spreche ihm meinen tiefempfundenen Dank aus."

(Aus Hermann Hesse. Sämtliche Werke, Band 10: Betrachtungen und Berichte 1927-1961, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, S. 477 f.)

 

Die in der Rede angesprochene "Über-Nationalität und Internationalität" Hermann Hesses zeigt sehr anschaulich eine 2009 für die Hesse-Museen in Calw, Gaienhofen und Montagnola erstellte Tafelausstellung zum Thema "Weltbürger – Hermann Hesses übernationales und multikulturelles Denken und Wirken", die deshalb hier noch einmal zum Abruf zur Verfügung gestellt werden soll:

(HSL)

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