„Indienreise“

© Suhrkamp Verlag, Berlin

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Am 6. September des Jahres 1911 besteigt Hermann Hesse in Begleitung seines Freundes, des Malers Hans Sturzenegger, in Genua die „Prinz Eitel Friedrich“ um nach Indien zu fahren, dem Land in dem seine Großeltern, sein Vater und seine Mutter im Missionsdienst tätig waren. In Wirklichkeit wird daraus aber keine Indienreise, sondern eigentlich eine Indonesienreise: Penang, Singapur, Sumatra, Borneo und Burma. Den Subkontinent berührt die dreimonatige Reisestrecke nur am Rand: Das Schiff legt zwar in Ceylon an, wo Hesse an Land geht, das buddhistische Heiligtum Kandy besucht und den höchsten Berg besteigt, aber aus dem Vorhaben, die Küste Malabars zu sehen, wird nichts. Die Bildungsreise in den fernen Osten fällt in eine Zeit der Neuorientierung: Bei seiner Familie in Gaienhofen, gerade war der dritte Sohn Martin geboren, fühlt sich Hesse zunehmend fremd und unwohl, Aufbruchstimmung und Wanderlust werden immer stärker. Er träumt vom Junggesellendasein. Doch wird die Indienreise zu einer Enttäuschung. Das idealisierte, von den Erzählungen seines Großvaters Hermann Gundert geprägte Indienbild findet er nicht. Er ist sogar angewidert von der Realität, der Hitze, dem Schmutz, dem Kolonialismus den sozialen Verhältnissen und auch vom devoten Wesen der Malaien. Nur die Chinesen nötigen ihm Respekt ab. Die Reise findet ihren ersten Niederschlag in dem 1913 erschienenen Buch Aus Indien. Jahre später bekennt Hesse, dass ihm in Ostasien weder die Begegnung mit Indien geglückt sei, noch habe er eine innere Befreiung erlebt. In einem Brief schreibt Hesse 1919: „Ich bin seit vielen Jahren davon überzeugt, dass der europäische Geist im Niedergang steht und der Heimkehr zu seinen asiatischen Quellen bedarf. Ich habe jahrelang Buddha verehrt und indische Literatur schon seit meiner frühesten Jugend gelesen. Später kamen mir Lao Tse und die andern Chinesen näher. Zu diesen Gedanken und Studien war meine indische Reise bloß eine kleine Beigabe und Illustration.“ Die eigentliche Frucht dieser Reise war für Hesse erst der 1922 erschienene Siddhartha.