Tübingen

Der Flucht aus dem Kloster Maulbronn 1892 folgen Aufenthalte in Bad Boll, der Nervenheilanstalt Stetten, eine abschließende Schulzeit in Cannstatt und ein 1 1/2 jähriges Praktikum in der mechanischen Werkstatt des Calwer Turmuhrenfabrikanten Heinrich Perrot. Zwischen Oktober 1895 und Juni 1899 absolviert Hermann Hesse in Tübingen eine dreijährige Buchhändlerlehre, der sich ein Jahr als Gehilfe anschließt. Seine Arbeitsstelle ist die Heckenhauerische Buchhandlung, Holzmarkt 5, und er wohnt in der Herrenberger Straße 28 zur Untermiete. Die Tätigkeit als Buchhändler verschafft ihm eine gewisse Befriedigung, auch wenn sie ihn anstrengt. Die Bildung seiner Vorgesetzten nötigt ihm Respekt ab. Der elterlichen Aufsicht entronnen, beginnt der Achtzehnjährige mit einer erstaunlichen Selbstdisziplin ein literarisches Selbststudium. Er liest die Klassiker, vor allem Goethe, in denen er sein literarisches Evangelium entdeckt, und widmet sich dann den Romantikern. Viele Stunden verbringt er im Zimmer, die Außenwelt hält er auf Distanz, das fröhliche Studentenleben erscheint ihm als Zeitverschwendung. Eine Ausnahme ist die Freundschaft zu dem Jurastudenten Ludwig Finckh (ab 1897), der selber als Schriftsteller in Erscheinung treten wird, und mit dem er einen Freundeskreis Gleichgesinnter, den Petit Cénacle gründet. Zum Missvergnügen seiner Familie beginnt Hermann Hesse bald auch mit der Produktion eigener Literatur. Im November 1898 kommen die selbst finanzierten Romantischen Lieder heraus, es folgt das Prosabändchen Eine Stunde hinter Mitternacht. Außerdem gelingt es ihm, einige Gedichte in Zeitschriften unterzubringen. Die Tübinger Spuren in Hesses Werk sind vergleichsweise schwach. Als literarischer Schauplatz ist die Neckarstadt vor allem in zwei Erzählungen eingegangen: Zum einen in die historisierende Novelle Im Presselschen Gartenhaus, zum anderen in ein Kapitel aus dem Hermann Lauscher (Die Novembernacht), das den Untertitel Eine Tübinger Erinnerung trägt.