Die politische Landkarte Hermann Hesses

Von Paul Noack

 

Die Rezeptionsgeschichte Hermann Hesses ist ein hervorragendes Beispiel für das wechselnde Verständnis seiner Leserschaft, ein Verständnis übrigens, das nicht nur das lesende Individuum, sondern ganze Kollektive, Zeitströmungen, Gefühlslagen betrifft. Er stand im Laufe seines Lebens - erstens - als Prototyp einer Jugend, die unter dem Schuljoch des Kaiserreiches litt. Er war - zweitens - zur Zeit seines Steppenwolfes 1927 - ein früher Vertreter der heutigen Zivilisationskritik. Er galt schon 1922 mit seinem Siddhartha, dann aber auch mit seiner zehn Jahre später erschienenen Morgenlandfahrt als ein Grenzgänger ins Land der östlichen Weisheit. Er schien - viertens - mit seinem 1943 erschienenen Glasperlenspiel aus der selbstzerstörerischen europäischen vita activa, die in zwei Weltkriege hineingeführt hatte, herauszuweisen. Auf diese Weise wurde er dann - fünftens - eine Leitfigur der Blumenkinder und Hippies der sechziger Jahre. Immer jedenfalls, so scheint es heute, stand sein Bild von der menschlichen Einzelexistenz, die den Weg der Vollendung im Wege nach innen suchte, im Mittelpunkt des Interesses, ein Weg also, der die Realitäten der sozialen und politischen Umwelt kaum in den Blick nahm.

 

Diesem Bild verdankt Hesse seine Resonanz. Doch liegt ihm ein Missverständnis dann zugrunde, wenn man ihn ausschließlich so interpretiert. Natürlich gibt es ihn, diesen Hesse. Aber es gibt über die Jahrzehnte hinweg auch den politischen Hesse. Es gibt auch den Hesse, der sich sowohl mit den politischen Strömungen seiner Zeit intensiv beschäftigte wie mit den Staaten, in denen sich Politik repräsentierte und artikulierte. Ihn erneut in den Vordergrund zu rücken, ist deshalb notwendig, weil trotz der unermüdlichen und verdienstvollen Bemühungen seines Herausgebers Volker Michels bis vor wenigen Jahren eine Rezeptions-Mode um sich gegriffen hatte, die Hesse als einen verächtlichen Regionaldichter sah, innig, aber beschränkt, von jener deutschen Innerlichkeit gar, die man mit der Stärkung der Literatur-Soziologie zunehmend als eine Vorläuferin des Nationalsozialismus begriff. In einer gewissen Weise ist Hesse tatsächlich sehr deutsch, aber in dem Sinne, den ihm Volker Michels gegeben hat, der formulierte: „Es war wohl nicht zuletzt die politische Sensibilität und Unbestechlichkeit, die Thomas Mann gemeint hat, als er über Hesse schrieb: ‚Deutscheres gibt es nicht als diesen Dichter und das Werk seines Lebens - nichts das deutscher wäre im alten, frohen, freien und geistigen Sinn, dem der deutsche Name seinen besten Ruhm, dem er die Sympathie der Menschheit verdankt." Und insofern ist es nicht nur ungerecht - das ist bei literarischer Konkurrenz an der Tagesordnung und dann wäre das Urteil hinzunehmen -, sondern schlicht unrichtig, wenn Gottfried Benn im Jahre 1946 schrieb: „Hesse. Kleiner Mann. Deutsche Innerlichkeit, der es schon kolossal vorkommt, wenn irgendwo ein Ehebruch erlitten oder gestartet wird. In der Jugend einige hübsche, klare Verse. Spezi von Thomas Mann. Daher der Nobelpreis sehr treffend und passend innerhalb dieses moddrigen Europa.“

 

Ich habe daher an anderer Stelle schon einmal versucht, die politischen Konstanten Hermann Hesses herauszuarbeiten. Dieser Beitrag ist in gewisser Weise eine Fortsetzung und Erweiterung des Themas: Hesses politische Konstanten, exemplifiziert an der politischen Umwelt, in der er lebt und die ihn bedrängt. An seinen Reaktionen lässt sich zeigen, wie bei ihm politische Geschichte, Geistesgeschichte und auch Kulturkritik ein Amalgam bilden, das sich auf begrenztem Raume nicht in jedem Einzelfalle auflösen lässt - das man aber immer im Sinne behalten sollte. Die Belege dafür sind uferlos. Um der Übersichtlichkeit willen beschränke ich mich im folgenden auf seine Briefe als Belege. Briefe sind im allgemeinen der ungefilterte Ausdruck dessen, was ein Mensch denkt.

 

Was unterscheidet eine politische von einer physikalischen Landkarte? Es ist die Schärfe der Umrisse, es sind die klar abgesetzten Farben, in denen die politischen Gebilde, die man Staaten nennt, nicht nach hoch und tief, fruchtbar und unfruchtbar, nicht nach gut und böse, kapitalistisch oder kommunistisch, sondern schlicht nach ihrer geographischen Größe unterschieden sind. Die Grenzen bilden die Muster, nicht die Schraffierung, nicht die Schummerung, nicht die Nuance also, sondern der Kontrast. Ist es auch das, was Hermann Hesses politische Landkarte von seiner poetischen Landkarte unterscheidet, also nicht die Nuance, sondern der Kontrast? Ja und nein. Ein politisches Urteil, d.h. also das Urteil über ein Kollektiv, ein Volk, eine Nation - die Japaner sind.... Großbritannien ist ... - beinhaltet natürlich stets auch eine Verallgemeinerung. Der einzelne (sonst die Grundeinheit des Denkens Hesses) schlüpft dabei leicht durch die Maschen, geht in seiner Besonderheit verloren. Ist vielleicht schon deshalb die verallgemeinernde politische Annäherung an das Objekt wissenschaftlicher Neugier, das sich Hermann Hesse nennt, dem Gegenstand inadäquat? Natürlich nicht. Denn er ist ein eminent politischer Mensch. daß er unter diesem Gesichtspunkt nicht viel öfters gewürdigt wurde (obwohl z.B. Joseph Mileck in seiner in deutscher Sprache erschienenen Biographie jeden der Lebensabschnitte Hesses auch im politischen Zusammenhang würdigt), hat seine Ursache vor allem darin, daß die oft wiederholte Behauptung des Dichters, er sei ein durch und durch unpolitischer Mensch, unwidersprochen und ungeprüft geglaubt worden ist. Hesse ist ein hervorragendes Beispiel dafür, daß man der Selbstinterpretation von Dichtern nur mit Vorsicht begegnen darf. Nun liegt seiner Selbsteinschätzung ein spezielles Missverständnis zugrunde, das etwa so lautet: Um ein unpolitischer Mensch zu sein, genügt es, wenn man die Politik nicht liebt. Eben das aber ist unzureichend als Definition. Um ein politischer Mensch zu sein, bedarf es - Sympathie hin und Antipathie her - vor allem einer systematischen Beschäftigung mit den andrängenden politischen und sozialen Fragen. Dann nämlich sind Stellungnahmen dazu gar nicht zu vermeiden. Anders kann es gar nicht sein. In diesem Sinne war Hesse - wie gesagt - ein eminent politischer Mensch.

 

Aber Hesses politischen Denkmustem ist nicht nur in ihrem politischideologischen Zusammenhang nachzuspüren. Sie bewähren sich auch im geo-politischen Kontext. So möchte ich im folgenden dokumentieren, in welcher Weise sich Völker und Staaten in den Äußerungen Hesses widerspiegeln, möchte ich prüfen, inwieweit er gängige Vorurteile nachspricht, inwieweit er originär oder originell ist, inwieweit er es versteht - das ist in diesem Zusammenhang wichtig -,  geistigseelische (sozusagen ortlose) Befindlichkeiten von Beobachtungen (nennen wir sie empirisch) in Zeit und Raum zu trennen. Ich möchte also der geistigen Landkarte Hesses auf ihren Schnittpunkten zur politischen Landkarte nachspüren. Daher ist in meinem Zusammenhang nicht so sehr von der nur zu bekannten Tatsache zu sprechen, daß Hesses Werk in mannigfaltiger Weise von chinesischen und indischen Einflüssen durchzogen ist. Wohl aber ist - ein erstes Beispiel für das, was ich meine - ein Satz wie der aus dem Jahre 1911 interessant, in dem er eine genuin politische Betrachtungsweise kultiviert, wenn er schreibt: „Die [ ] Inder sind [ ] schwach und zukunftslos. Den Eindruck unbedingter Stärke und Zukunft machen nur die Chinesen und die Engländer."  Im gleichen Atemzug möchte ich auf zwei weiße Flecken auf meiner politischen Landkarte aufmerksam machen. Sie wurden deshalb nicht ausgefüllt, weil sie zum einen den Vortrag sprengen würden und weil sie, zum anderen, schon genügend dokumentiert sind. Da ist erstens Hesses Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen und zweitens Hesses Verhältnis zu Frankreich.

 

Mit dem Zitat zu Indien und China wird zum ersten Male ein Hinweis darauf gegeben, wie klar Hesse zwischen kulturellen und zivilisatorischen Hervorbringungen eines Volkes oder Staates und deren politischen Erscheinungsformen zu unterscheiden weiß. Es ist dies eine Beobachtung, die man durch die Jahrzehnte hindurch machen kann. Bleiben wir vorläufig bei den großen Drei Asiens, den Chinesen, den Indern und den Japanern, so ist es erstaunlich, mit welcher Konsequenz der Dichter fähig ist, geistige Neigung und Beobachtung, geistige Nähe und politisches Urteil voneinander zu trennen. Sind noch 1911 die malaiische und indische Welt (Ein Maskenball) die Folie, auf der sich seine Bewunderung Chinas entwickelt: „Die chinesische Welt gab mir den herrlichen Eindruck von Rasse und Kultur“, so ist ihm - völlig realitätsgerecht - vier Jahre später, 1915, schon einsichtig: „Die einzigen in der Welt, denen ihr Ziel klar ist und die es ohne Sentimentalität verfolgen, sind die Japaner.“ Was er damals erhoffte, ist allerdings dies: daß die Chinesen, wie die Griechen über die Römer, einstmals geistig über die Japaner siegen würden. Diese Einschätzung Japans als der weniger originellen, aber durchsetzungsfähigeren Kultur hält Hesse, von den Tatsachen bestätigt, viele Jahrzehnte hindurch bei, oftmals allerdings auch mit negativem Akzent. Schließlich notiert er 1962: „Am gierigsten schluckt Japan meine Sachen; die dortige Kultur ist in voller Auflösung.“ Fast die gleichen Ausdrücke hatte er schon 15 Jahre zuvor, 1947, für den Zustand Chinas benutzt. Auch von China schrieb er, es sei „in völliger Auflösung begriffen“ und: „Sie werden bald alle in der Lage sein, ihre flachgewalzten Regungen und Gedanken in ebenso glattgewalzten internationalen Beziehungen auszudrücken.“ Und nur wenig später heißt es: „Seit Kommunismus, Nationalismus und Militarismus Brüder geworden sind, hat der Osten seinen Zauber vorläufig verloren.“ Es ist dies, was die Berührung von Ost und West angeht, gleichsam sein letztes Wort. Die Effekte des westlichen Einflusses werden insgesamt als eine Aplanierung des Ostens interpretiert, als eine durch nichts motivierte Verwestlichung, die ihre Ursache in machtpolitischen Verschiebungen hat, vorbereitet durch die Zwischenkriegszeit von 1919 bis 1939 und besiegelt durch die Bombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki im Jahre 1945.

 

Verweilen wir noch einen Augenblick bei China, dann zeigt sich hier zum ersten, aber nicht zum einzigen Mal, in welch intensiver Weise sich Hesse die internationale Szene aneignet und im Laufe dieser Beobachtung auch seine Urteile revidiert. Heißt es etwa 1911: „Über die Chinesen ist nur Großes zu sagen [... ] ein imponierendes Volk", so wird schon 1925 diese Eloge relativiert, weil ihm, dem, wie er sagt, „Unsozialen ihre prachtvolle moralische Ordnung bei aller Bewunderung fremd bleibt.“ Wie ein Abgesang auf vergangene Faszination klingt schließlich ein Satz aus dem Jahre 1955: „Die Chinesen, einst das friedlichste und an antimilitaristischen Bekundungen reichste Volk der Erde, sind heute die gefürchtetste und rücksichtsloseste Nation geworden. Sie haben das heilige Tibet [... ] barbarisch überfallen und erobert und sie bedrohen dauernd Tibet und jedes andere Nachbarland.“

 

Da ich Frankreich und Deutschland ausspare, an dieser Stelle einige Sätze zur Beurteilung der Briten, Großbritanniens. Sie werden, wenn auch in einem gegenläufigen Sinne, einer unterschiedlichen Bewertung unterworfen. Insgesamt bewundert er sie, vor allem vor dem Ersten Weltkrieg. Doch mit dem Aufkommen des Hitler-Regimes kommt dann ein Umschlag. 1938 beschwört er England, es möge angesichts des „Dritten Reiches“ doch nun endlich die wahre weltpolitische Lage erkennen. Angesichts des Münchner Abkommens und der britischen „Appeasement-Politik“ hat er für den damaligen britischen Premier Chamberlain das Epitheton eines „alten Esels und Schädlings“ parat, das aber durchaus der damaligen Lage entsprach. Später, 1946, nimmt er allein die Engländer von dem Vorwurf aus, daß die Sieger Europa „unbegabt und lieblos“ behandelten. Und im gleichen Jahre konstatiert er: „Menschlich Edles und Dankenswertes hört man seit langer Zeit nur noch von den Engländern.“  Man sieht hier: Seine Abneigung gegen britisches Moralisieren und seine Bewunderung eines human gefärbten, europäischen Pragmatismus halten sich auf die Dauer die Waage.

 

Etwas anders steht es mit den Amerikanern und den USA - Abneigung und Abwehr lassen sich durch fast alle Äußerungen hindurch verfolgen, die Hesse im Zusammenhang mit Amerika als Nation, den Amerikanern als Volk, mit dem American Way of Life oder der amerikanischen politischen Psychologie getan hat. Ohne ihm Unrecht zu tun, wird man konstatieren dürfen, daß es sich bei dieser Ablehnung Amerikas und der Amerikaner um eine kulturkritische Chiffre, um eine Abbreviation von allgemeinen anti-zivilisatorischen Affekten handelte. Denn in Amerika sieht Hesse, abgekürzt, nichts anderes, als erstens ein übersteigertes „europäisches“ Fehlverhalten, das zweitens für Europa, falls es seine Identität nicht verlieren will, zu einer Gefahr werden kann. „Der“ Amerikaner tritt nur zögernd in den Horizont des „Europäers“ Hesse, so daß auch die Erwähnung der USA nur zögernd erfolgt. Doch seitdem sie erfolgt, ist der Begriff negativ besetzt. Es gibt andererseits schon vor dem Ersten Weltkrieg Äußerungen von ihm, in denen er scharf unterscheidet zwischen dem, was er ablehnt, und dem, was ihm die amerikanische Subversivität für Europa bedeutet: „Die Amerikaner sind ein Volk, von dem wir später gefressen werden sollen.“ Naivität und Ungeistigkeit sind die Attribute, die dann seit den zwanziger Jahren immer wiederkehren. (Wobei, nebenbei bemerkt, Hesse gerade im Steppenwolf Ingredienzien der amerikanischen Zivilisation - Jazz, Kino - mit zumindest ambivalenten Zuordnungen besetzt.)

 

1929 jedenfalls findet Hesse, der moderne Deutsche sei in seiner Ungeistigkeit „noch unangenehmer als der Amerikaner“, weil jener überdies mit seinen Traditionen protze. 1930 schließt er an das damals grassierende Phänomen der angeblich amerikanisch inspirierten „Kettenbriefe“ überraschend eine Reflexion an, und zwar „über die unausdenklich naive und kindlich rohe Geistes- und Gemütsart des Amerikaners, der in Sachen Finanzen und Technik höchst raffiniert, in Sachen der Religion, der Moral und des Geistes aber ein dreijähriges Kind ist". Dieser undifferenzierte, weil auf Vorurteilen beruhende Ausbruch, hat dann durchaus politische Auswirkungen. Denn so wird es erklärlich, warum Hesse nach 1945 der Weltmacht Amerika so wenig zutraut, als es um die Neuordnung Europas geht. Sein Vorurteil gewinnt nun Gestalt in der Behauptung, die Amerikaner wüssten wahrscheinlich gar nicht , was sie tun oder was sie zu tun hätten. So heißt es noch vor Kriegsende, während der Konferenz von Jalta 1945: „Wenn ich so lese, wie die Amerikaner das künftige Europa managen wollen, dann fällt mir der Spruch über Konfuzius ein, der bei einem alten Chinesen steht: Ist das nicht der, der weiß, daß es nicht geht, und es doch tut? Nur daß freilich der Amerikaner keine Ahnung davon hat, daß er da etwas zu tun unternimmt, was ‚nicht geht’. Diese beiden Zitate sind nicht die einzigen Belege für eine Prädisposition zu einem anarchisch gefärbten Kommunismus. Aus ihr folgt die Ablehnung eines kapitalistischen, von Großbanken dominierten politischen Systems, für das - ich sagte es schon - die USA nur als Chiffre stehen. Vor allem daraus ist es verständlich, daß die USA eigentlich zu keiner Zeit einer lobenden Erwähnung für wert befunden werden. Amerika ist und bleibt für ihn das Land eines überoptimistischen, weitgehend unreflektierten Lebensstils, der sich - wie schon das Beispiel „Kettenbriefe“ zeigte - in allen Lebensbereichen breitgemacht hat, damit aber auch die Politik beherrscht. Das gilt etwa (1 948) für die „blöde Anbetung der Jugend und Jugendlichkeit, wie sie etwa in Amerika blüht“. Das wird im Januar 1946 gewertet als der „wohlgeordnete Überfall der Barbarei über unser sterbendes Abendland“ und bekommt in einer Kritik an Thomas Wolfe das Beiwort umgehängt, der sei „allzu amerikanisch, allzu jugendlich von der eigenen Welt und Dynamik betrunken“. Mit zunehmendem Alter geht die stark zeit- und kulturkritisch gestimmte Beurteilung in direkte politische Stellungnahmen über. Sie werden insbesondere von der Furcht vor einem künftigen Atomkrieg und dem damals grassierenden antisowjetischen McCarthyismus genährt. „In Amerika“, so heißt es 1955 in einem Brief, „sind heute die Leute, die für den Frieden und die Vernunft plädieren, ebenso verfemt wie bei Ihnen.“ Unglücklicherweise verstärkt sich seine Abneigung dadurch, daß er Mitte der vierziger Jahre mit dem Schriftsteller Hans Habe, damals amerikanischer Presseoffizier, in einen erbitterten Disput gerät, der seiner grundsätzlichen anti-amerikanischen Grundeinstellung noch einmal aktuelles Futter gibt. Das Äußerste, wozu er sich seitdem aufraffen kann, ist 1961, kurz vor seinem Tode also, eine Bemerkung solcherart: „Zum Glück hat auch das heutige Amerika neben den anderen doch ansprechende Züge.“

 

Wenn Hesses antikapitalistische Weltsicht auf die USA als politische Größe ohne Umwege abfärbt, dann ergibt sich in einer antagonistisch denkenden Zeit automatisch die andere Frage: Wie stand Hesse zur anderen Weltmacht, der Sowjetunion? Wenn seine kritische Haltung einerseits von einem allgemeinen antikapitalistischen Affekt gespeist wird, sich aber andererseits auch gegen jede Form staatlicher Macht richtete - („Eine unanständige Machtfülle verdirbt den Menschen, unfehlbar“) - dann hatte es, zumindest was den ersten Aspekt angeht, die UdSSR leichter bei ihm als die USA. Das besagt aber nicht, daß er der UdSSR als Staat unkritischer gegenübergestanden hätte als den USA. So hat er 1956 als eine der ganz wenigen politischen Resolutionen eine Entschließung gegen den sowjetischen Einmarsch in Ungarn unterzeichnet, nicht ohne allerdings dabei seiner kritischen Einschätzung des Verhältnisses von Geist und Macht Ausdruck zu geben: „Im ganzen suche ich die Beteiligung an solchen Aktionen sorgfältig zu vermeiden, da die ewig wiederholten Aufrufe und Proteste unverantwortlicher Skribenten in politischen Angelegenheiten ja bloß die Ohnmacht der Vernunft noch sichtbarer machen und durch ihre Häufigkeit den fraglichen Wert solcher Kundgebungen noch fraglicher machen.“ Den zweiten Vorwurf, den der unanständigen Machtfülle, hatte die UdSSR gemeinsam mit den USA zu tragen. Wenn man Hesses Antipathie gegen Amerika als undifferenziert empfindet (die USA als Chiffre für den Kapitalismus), so muss man nun darauf aufmerksam machen, daß er, der dem Ideal eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz stets nahe stand, nie einer einschränkungslosen Anbetung des Staatssozialismus der UdSSR, wie das in den dreißiger und vierziger Jahren bei vielen anderen Intellektuellen der Fall war, gehuldigt hat. Sicher hat er sich in seiner Welt fremd gefühlt, und er lastete das auch seinen Lebensumständen an. Ein Beispiel für diese Entfremdung ist ein Brief aus dem Jahre 1922, in dem er an einen Freund in der Schweiz schreibt: „Für mich ist zum Beispiel die Wirklichkeit des Zuger Milieus und Bürgertums, in dem Sie leben, mindestens so phantastisch, fremd und unbegreiflich wie Sowjetrussland.“ Aber damit wird immerhin Sowjetrußland ebenfalls als ein Extrem des für ihn Fremden personifiziert.

 

Die bedingungslose Ablehnung der USA ist dadurch begründet, daß das, was von dort kam, auf Umwegen seine eigenen Lebenskreise berührte; dagegen war die sowjetische Wirklichkeit fern, gleichsam exotisch. Und er blieb dem sowjetischen Friedenswillen gegenüber äußerst skeptisch. Wenn er nach dem Zweiten Weltkrieg für kommunistische Friedensoffensiven eingespannt werden sollte, verweigerte er sich daher regelmäßig. Und seine Argumentation blieb auch regelmäßig dieselbe: „Ich bin kein Freund Amerikas und kein Freund des Krieges, aber ich bin auch kein Freund der Lüge und der unanständigen Mittel im politischen Kampf.“ (195 1) Auch - so schrieb er 1950 - werde er „weder für Truman noch für Stalin kämpfen“, sondern mit den Millionen von Menschen untergehen, denen man kein Recht auf Leben und Atemluft mehr zubillige. Er wendet sich sogar gegen Deutungen der Zeitgeschichte, die Amerika dafür priesen, „daß es Hitler umgebracht hat. daß es zugleich damit Russland aufgerüstet und die große Zeit des Weltkommunismus eröffnet hat, verschweigen sie“. (1951) Mit diesem Diktum hat er nicht zuletzt das Schicksal Rumäniens, aus dem seine Frau Ninon stammte, vor Augen; doch ähnliche ambivalente Wertungen der sowjetischen Wirklichkeit finden sich bei ihm oft. Noch einmal: die sicht- und lesbare Animosität Hesses gegenüber den USA hat seine Ursachen darin, daß er in ihnen eine ausschließlich von der Technik beherrschte neue Lebensmacht heraufsteigen fühlt, die, da sie Geist aus dem Geist Europas ist, in weit wirkmächtigerer Weise fähig ist, alteuropäische Traditionen zu gefährden, als die UdSSR. Sie stellen für den Dichter, trotz aller Einschränkungen, Lebensraum und Lebenslust dar. Das heißt: Die eher  instinktive Ablehnung Amerikas und die Furcht vor der Gefährdung und Vernichtung Europas sind bei ihm zwei Seiten, die zwei Seiten ein und derselben Medaille.

 

Damit komme ich zum letzten Kapitel: Hesses Stellung zu Europa, zur - wenn ich das so nennen darf - europäischen Chance. (Wobei ich nur darauf hinweisen kann, in welch ausführlicher Form er, vor allem während des Ersten Weltkrieges und nach dem Ersten Weltkrieg den europäischen Niedergang auf die Fehler des alten Kontinents zurückführte.) Hesses Vermittlerstellung zwischen westlicher Aufklärung und ihrer Bejahung eines extremen Individualismus und einer östlichen, auf Meditation beruhenden Relativierung des Individuellen - „in allen schönen, stillen, passiven Tugenden ist China überlegen“ (1915) - zeigt sich ganz deutlich in der Beurteilung seines Kontinents und dessen Menschen. Zum einen reitet er Attacken gegen das Unvermögen Europas, mit sich selbst zu Rande zu kommen. 1917 mitten im Weltkrieg - meint er gegenüber dem „Europäer“ Romain Rolland: „Auch ‚Europa’ ist mir kein Ideal - solange Menschen einander töten, unter Führung Europas, ist mir jede Einteilung der Menschen verdächtig.“ Zum anderen haben ihn schon früh Endzeitstimmungen heimgesucht. Noch in seinem Alter schreibt er: „Ich habe schon früh die abendländische Untergangsstimmung gewittert.“ Aber das ist nicht mit der Befriedigung des Propheten, sondern mit der Nostalgie des Nachkömmlings gesagt. Wenn er daher 1956 schreibt: „Wir sitzen auf den schönen Trümmem unserer abendländischen Kultur, vermutlich als eine der letzten Generationen, so ist dies nicht sein letztes Wort. Denn er hatte zu diesem Untergang ein äußerst ambivalentes, wohl nicht zuletzt durch Oswald Spengler beeinflusstes Verhältnis, ein Verhältnis, das zwischen der Einsicht in das geschichtlich angeblich Notwendige und das Aufbegehren gegen dieses Schicksal schwankt. Untergang Europas, das war ihm einerseits ein Teil jenes „Stirb und werde“ der Völker, von dem es in einem Brief aus dem Jahre 1920 exemplarisch heißt: Der Untergang Europas, „das ist natürlich keine Angelegenheit der Erdbeben oder Kanonen oder Revolutionen, sondern für jeden einzelnen der Moment des Ja-Sagens zu einem Absterben alter und einem Aufkommen neuer Betonungen und Ideale.“ Innerhalb des so bestimmten Gefüges hatte er seit dem Ersten Weltkrieg den „Glauben an eine bessere Zukunft“ verloren, erscheint ihm die Weltgeschichte als „allmählicher Verfall einer Ordnung, die göttlich war“, schrieb er: „Die Weltgeschichte ist ein wildes Weib.“ All das hindert ihn nicht, dieses Europa, das für ihn kein Ideal sein könne, „solange Menschen einander töten, unter Führung Europas“ (1917), insbesondere gegen Ende seines Lebens doch wieder für sich und die Ideale, die er vertrat, zu entdecken. Woher diese, wenn man so sagen darf, europäische Re-Konversion herrührt, ist nicht eindeutig auszumachen. Wahrscheinlich war es die reale militärische Bedrohung Europas, war es die damit einhergehende Bedrohung einer Lebensform, mit der der Dichter eben doch enger verbunden war, als er dies Jahrzehnte hindurch angenommen hatte. Sie bewirkte es, daß ihr möglicher Verlust, da er näher zu rücken schien, stärker als zuvor als Verlust empfunden wurde. Die Denkmöglichkeit war eine politische Möglichkeit geworden - und damit wuchs erneut die Identität zwischen ihm und Europa. Möglicherweise hat Hesse in seinen letzten Lebensjahrzehnten erkannt, daß auch geistige Lebensformen eines realen politischen Umfeldes bedürfen, in denen man ihnen zu gedeihen erlaubt. Die Hoffnung von 1917 („ex oriente lux“) auf eine Erneuerung aus dem Geist des Ostens - „auf dem Kulturtrümmerhaufen, auf dem wir heute stehen, will Religion, will Kunst wachsen. Diese mahnenden Stimmen weisen nach Osten zurück, nach Lao Tse und Christus“, haben nach zwei Weltkriegen angesichts der gewandelten weltpolitischen Verhältnisse für ihn jedoch an Realitätsgehalt verloren.

 

Es ist dann die Enttäuschung über das andere, das Nicht-Europäische, über die Sowjets wie die Amerikaner, die ihn 1946 sagen lässt: „Inzwischen wird das, was von Europa übrigblieb, von den USA und den Russen flach gewalzt. Ich hoffe zu sterben, ohne diesen Mächten je die geringste Konzession gemacht zu haben.“ (1946) Er hat es nicht getan. Aus dem europamüden und europaflüchtigen Dichter wird am Schluss wieder einer, der eine mögliche Mission Europas erneut aufgreift, der sie artikuliert und so doch eine Zukunftsaufgabe des alten Kontinents sieht. Das schönste Zeugnis dieser Art findet sich in einem Brief an Thomas Mann von 1945: „Das Europa, das ich meine, wird nicht ein Erinnerungsschrein sein, sondern eine Idee, ein Symbol, ein geistiges Kraftzentrum, so wie für mich die Ideen China, Indien, Buddha, Kung Fu nicht hübsche Erinnerungen, sondern das denkbar Realste, Konzentrierteste, Substantiellste sind, was es gibt.“ Europa bekommt damit wieder eine Aufgabe. Was hier als gleichwertiges Nebeneinander erscheint, wird einen Monat nach Kriegsende noch akzentuierter geäußert. Da wird nämlich die Befürchtung laut, der Verlust Europas als eine eigenständige Kraft könne mehr bedeuten, als nur der Ersatz eines Machtzentrums durch ein anderes. „Wenn Europa wirklich verloren und nur noch eine Erinnerung sein sollte“, schreibt er damals, „ so wäre es auch mit dem Humanismus zu Ende. Im Grunde kann ich daran nicht glauben.“ Das führt auch dazu, daß er 1945 schreiben kann: „Ich entdecke, zum ersten Male wieder seit Jahrzehnten, Regungen von Nationalismus in meinem Busen, freilich ist es kein deutscher, sondern ein europäischer.“ Das ist es, was ich zuvor meinte, als ich von der Ambivalenz von europäischem Ergebenheits- und Aufstandswillen sprach, nur fünf, sechs Jahre nach einem Verdikt, wie es fatalistischer gar nicht sein konnte: „Ich sehe den Zersetzungsprozess der staatlichen Moral und Vergewaltigpolitik als unaufhaltsam an, ich glaube nicht, daß irgendeine Nation oder eine Verfassung der Welt vor dem Umfallen oder Vergewaltigt werden sicher ist.“ (1940)  Die Geschichte hatte ihn - der hier die Nazi-Zeit im Visier hatte - eines Besseren belehrt.

 

Der Glaube an die europäische Option, die europäische Chance, die europäische Aufgabe ist für den, der in seinen jungen und mittleren Jahren außereuropäische Erfahrungen einbeziehen musste, weil er an dem zu ersticken drohte, was ihn umgab, wohl das für ihn letzte Wort geblieben. Denn - ich zitierte es bereits - in den letzten Jahren ist der Greis um die schmerzlichen Erfahrungen, die er wegen China erlebte - auch das indische Beispiel wird ihn kaum getröstet haben, - reicher, d.h. ärmer geworden. Es bleibt erstaunlich, daß er sich bis in seine letzten Tage nicht der politischen Erfahrung verschließt, auch nicht der Erfahrung, wie weit Geist und Politik eines Volkes und Staates auseinanderdriften können, daß die reale Welt die ideale Welt totzuschlagen vermag - und wie gerade dann der europäische Ursprung auf sein Erstgeburtsrecht pocht. Von der notwendigen Versöhnung von Ost und West bleibt er freilich überzeugt. Und für ihn, einen der ersten von der Spezies, die wir heute Ökologen nennen, wird die drohende Verheerung unseres Planeten immer wieder zu einem Alptraum. Aber das wäre ein anderes Kapitel.

 

Fasse ich zusammen, so ergeben sich für mich vor allem zwei Schlussfolgerungen. Die erste lautet: Ebenso wie in der Beobachtung und Beurteilung politischer Strömungen und Ideologien erweist es sich von neuem, daß Hesse über Jahrzehnte hinweg (vielleicht abgesehen von seiner frühesten Formationsphase) nicht nur ein Beobachter der nationalen, sondern ebenso der internationalen Szene, der internationalen Beziehungen gewesen ist; sicherlich kein professioneller, wohl aber ein lebendiger Beobachter. Selten - abgesehen von den USA überwuchert eine Voreingenommenheit seinen durch direkte oder indirekte Erfahrung gewonnenen Realitätssinn. Zweitens: Die Bewertung der Staaten und Nationen wird durchaus den Zeitläuften angepasst, weil aus den Zeitläuften gewonnen. Von der Ausnahme USA - habe ich gesprochen. Hier spürte er die Bedrohung durch eine - sagen wir - pervertierte Verwandtschaft, während er viele der anderen Staaten und Völker gerade aus ihren polarisierten geistigen Strukturen heraus verstand und schätzte. Auch und gerade die Betrachtung der politischen Weltkarte Hermann Hesses lässt daher den Schluss zu, daß das Verständnis dieses Dichters als eines unpolitischen Wesens auf einem Missverständnis beruht, daß seine Landkarte eine genuin politische Komponente hat.

 

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