„Flexible Kunstfertigkeit, samtpfotige Anpassungsfähigkeit“

„Flexible Kunstfertigkeit, samtpfotige Anpassungsfähigkeit, … vor Energie vibrierende Übersetzung.“ Mit Formulierungen wie diesen adelte der Literaturkritiker, Überrsetzer und Journalist Denis Scheck die US-amerikanische Übersetzerin Susan Bernofsky, die mit dem Calwer Hermann-Hesse-Preis 2012 ausgezeichnet wurde. Die Ehrung ist mit einem Preisgeld von 15 000 Euro verbunden.

 

Susan Bernofsky erhielt die renommierte Auszeichnung in der Calwer Aula für ihre Übertragung der Hesse-Novelle „Siddhartha“ ins Englische und für ihr Gesamtwerk. Bernofsky gelinge es, „den Stand der Sprache zur Entstehungszeit der Originale nachvollziehbar zu machen“, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Stiftungs-Vorsitzender Dr. Andreas Narr freute sich in seiner Begrüßung über die erneute Hesse-Renaissance, die im 50-sten Todesjahr des weltweit meistgelesenen deutschen Autors zu beobachten sei. Weil „die übersetzerische Leistung mindestens genauso wichtig ist wie die schriftstellerische selbst“, ihre Leistung aber selten gewürdigt werde, sei der Übersetzerpreis ins Leben gerufen worden.

Calws Oberbürgermeister Ralf Eggert machte in seinem Grußwort die Bedeutung literarischer Übersetzungen deutlich als pures Gegenteil des „schrecklichen bis erheiternden Kauderwelsch“ auf das man im Internet stoße. Der echte Übersetzer aber, dessen Arbeit dem Leser kaum bewusst sei, brauche „künstlerische, ja literarische Begabung.“ Peter Boudgoust erinnerte daran, dass Hesse „immer wieder von den Eliten vergessen“ gewesen, dann aber von der Popkultur wieder in Erinnerung gebracht worden sei. Im „Spannungsfeld von Hoch- und Popkultur“ werde der SWR „im Sinne Hesses und dieser Stiftung versuchen, das Unmögliche möglich zu machen“ versprach der SüdwestRundfunk-Intendant. Dr. Herbert Müller, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw, erinnerte an die Anfangsjahre der 1989 gegründeten Stiftung, durch deren Arbeit es gelungen sei, dass “Hermann Hesse als Sohn der Stadt Calw in einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen“ werde.

Laudator Denis Scheck führte ebenso humorvoll wie sprachgewandt in die Kunst des literarischen Übersetzens im Allgemeinen und Susan Bernofskys im Besonderen ein. Vor dem Hintergrund, dass der transatlantische Literaturaustausch zur Einbahnstraße geworden sei und in der Verlagsmetropole New York immer weniger Lektoren Deutsch läsen, werde „die eminente Bedeutung von Susan Bernofsky für die deutschsprachige Literatur in den USA“ klar. In ihrer preisgekrönten Neuübersetzung von „Siddhartha“ nutze Bernofsky bei der Übertragung von Hesses „kurzen, wohlkalkulierten Sätzen, kristallklar und schlicht“ „souverän ihren Platzvorteil, nämlich die Silbenknappheit des Englischen.“ Hier sitze jedes Wort, „keine Silbe zuviel, kein rhythmischer Atemzug, das ist Hesse im asketischen Samana–Modus.“

Im drittletzten Absatz mündet Hesses „Siddhartha“ in „eine Vokalexplosion, ein stilistisches Feuerwerk“, einen einzigen Satz über 17 Zeilen. Zuerst im Original, dann in der englischen Übersetzung trug Denis Scheck dieses „Sprachdelta“ vor. Und attestierte: „Zwei Semikolons hat Susan Bernofsky in ihre vor Energie vibrierende Übersetzung gesetzt – Atempausen mehr als Satzzeichen. Näher ist das Englische dem Deutschen nie gekommen als in diesem monströsen Satz in Susan Bernofskys Fassung, die ganz zweifellos ihre angloamerikanischen Leser in Richtung der des Autors bewegt – weil sie kein Jota verloren geben will von Bedeutungsinhalt und Schönheit, Struktur und Rhythmus des von Hermann Hesse Geschriebene und Gedachten.“

Die Hesse-Preisträgerin erinnerte sich nach der offiziellen Übergabe der Preisurkunde durch Dr. Narr an frühe Begegnungen mit „Siddhartha“ und „Steppenwolf“ an der High School in New Orleans. Als 13-Jähriger habe ihr die Hesse-Lektüre „das Beispiel eines radikalen Verstanden Werdens“ geboten, „einer Selbstbestimmung, die ich sehnlichst für mich selber herbeiwünschte.“ „Siddhartha“ habe wesentlich zu ihrer Entscheidung beigetragen, am Gymnasium Deutsch zu lernen. Zweieinhalb Jahrzehnte später sei ihr bei der Arbeit an der Übersetzung klar geworden: „Hesses Buch ist das verschlüsselte Porträt eines Zeitalters, in dem es unerhört gefährlich war, ein junger Mann zu sein.“ Und sie habe sich sofort zurückgesetzt gefühlt in die Zeit der ersten Lektüre. „Ich saß zwar als Erwachsene am Schreibtische, aber die Dreizehnjährige in mir hat das Buch mitübersetzt…“

Susan Bernowsky dankte Stiftung und Sparkasse, aber auch der Jury und Denis Scheck „für die großen Worte in seiner schönen Laudatio; ich hoffe sehr, dass ich sie einmal verdienen werde.“

Eindrucksvoll machte eine Deutsch-amerikanische Lesung durch Klaus Hemmerle und die Hesse-Preisträgerin dann deutlich, wie hoch die Kunst Susan Bernofskys einzuschätzen ist.

Dem Kuratoriums-Vorsitzenden Carl Herzog von Württemberg gebührte das Schlusswort der vom Celloensemble „Limoncelli“ der Musikschule Calw mit Sopranistin Sophie Harr stimmungsvoll umrahmten Preisverleihung. Die Auszeichnung, so hoffte Seine königliche Hoheit, möge für Susan Bernofsky Ansporn sein, „die Mühe weiterer Übersetzungen auf sich zu nehmen.“ Herzog Carl würdigte das jahrzehntelange Hesse-Engagement von SüdwestRundfunk und Sparkasse mit den Worten: „Es ist schön, dass es so etwas noch gibt.“

Den mit starken Beifall aufgenommenen Schluss eines glanzvollen Abends in der Hesse-Stadt setzte die junge Panik-Sonderpreisträgerin Milene Weigert mit ihrer Hesse-Vertonung „Buchstaben“ und der Eigenkomposition „Feuer“.

 

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Text und Foto: Andreas Laich

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