Slavo Šerc

„Der Abschied wird nicht so leicht sein für mich“

Hesse-Stipendiat Slavo Šerc empfindet Calw-Aufenthalt als Privileg

 

Als „Privileg“ empfindet er es, im Geburtshaus des Nobelpreisträgers am Marktplatz zu wohnen. Unterhaltsam und aufschlussreich bot Slavo Šerc, 53. Stipendiat der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung - getragen von Sparkasse und Südwestrundfunk - Einblicke in die Arbeit des literarischen Übersetzens. Der in Regensburg lebende Slowene zeigte sich im Gespräch mit Hesse-Experte Herbert Schnierle Lutz als redegewandter und sympathischer Vermittler deutscher Literatur.

Den Aufenthalt in Calw nannte er „sehr exotisch“, habe er doch „noch nie so viele Fachwerkhäuser gesehen.“ Er sei hier herzlich empfangen worden, gut betreut und habe mit Hausherr Piet Schaber bereits Freundschaft geschlossen. Bis Zavelstein sei er gewandert und ahne bereits, „der Abschied wird nicht so leicht sein für mich.“

Da sein Nachname wie „Scherz“ ausgesprochen wird, musste sich Slavo Šerc schon in der Schule von einem Lehrer sagen lassen: „Du mach mir keine Witze, du weißt gar nicht, was dein Name bedeutet.“ Deutsch konnte im Hause Šerc nur noch die Großmutter, freilich nur für den „Einkaufsbesuch“ in Österreich, wo die Familie ursprünglich auch ihre Wurzeln hat.

Ein Fremdsprachenstudium führte den Literaturhistoriker 1985 nach Hamburg. Weil er hier dann eine Familie gründete, führte dies zum „freiwilligen Exil“ und er sei eher „zufällig Übersetzer geworden“, erzählte Slavo Šerc im Calwer Hermann-Hesse-Museum. Ein Werk von Elfriede Jelinek, von der späteren Nobelpreisträgerin ausschließlich in Kleinbuchstaben geschrieben, war die erste Romanübersetzung ins Slowenische. Und auch Hertha Müller „entdeckte“ Šerc lange vor deren Nobelpreis. Deshalb hat der im „Brotberuf“ als Lehrbeauftragter für Slowenisch an der Uni Regensburg tätige Hesse-Stipendiat längst freie Auswahl. Im Laufe von 25 Jahren übertrug Slavo Šerc das Who’s Who der deutschsprachigen Literatur ins Slowenische, in eine Sprache, gesprochen von kaum mehr als zwei Millionen Menschen.

Auch wenn die Liebe zu Literatur und Büchern für ihn „ein Heiligtum“ sei, könne er „vom Übersetzen sowieso nicht leben.“ Das gelte für Literarische Übersetzer allgemein, es sei denn man übertrage Stars wie Umberto Ecco. „Man muss noch was anderes machen, um sich das zu leisten“, machte der in Maribor geborene Hesse-Stipendiat seine Arbeitsbedingungen deutlich.

Für die Calwer Lesung hatte Slavo Šerc mit „Der Tod des Widersachers“ von Hans Keilson zunächst ein eher unbekanntes Werk ausgesucht. Aus dem Roman des 2011 in Holland mit 101 Jahren verstorbenen Autors hatte der Übersetzer „eine ganz leise, aber ungeheuer tiefsinnige Stelle“ gewählt. Zuerst im Original von Herbert Schnierle-Lutz vorgetragen, dann auf Slowenisch von Slavo Šerc, wurde die rhythmische Eleganz der Übertragung offenbar. Dem 1959 erschienenen Roman des in der Nazizeit emigrierten Juden attestierte der Hesse-Stipendiat: „Man kann das zeitlos lesen, es gilt für alle Diktaturen.“ Keilson, wenn auch heute vielen unbekannt, einer der bedeutendsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts, habe über seinen 1933 erschienenen Debütroman Das Leben geht weiter - Eine Jugend zwischen den Kriegszeiten“ einst lapidar bemerkt: „Ich bin noch rechtzeitig erschienen, um noch rechtzeitig verboten zu werden.“

In Uwe Timms Erfolgsroman „Rot“ steht ein Jazzmusiker, der von Trauerreden leben muss, im Mittelpunkt. „Wie eine Improvisation im Jazz“ empfindet Šerc dieses zur Zeit der Studentenbewegung spielende Werk, für das er unter anderem über Aquarien-Fische und die Kanonen auf der Berliner Siegessäule habe recherchieren müssen.

Markus Werners „Am Hang“ schließlich, angesiedelt in Hesses Wahlheimat Montagnola, schloss die Lesung. Der auch als Theaterstück auf die Bühne gebrachte und verfilmte Roman ist laut Slavo Šerc ein „sehr intelligentes“ Buch. Beim Wein lernen sich im „Bellavista“ zwei Männer kennen, deren Schicksale enger verknüpft sich, als sie ahnen. Ebenso wie Uwe Timm kennt Šerc auch diesen Autor, zumindest von einem vielstündigen Telefonat mit dem Schwerkranken. „Man versucht, die Poetik zu verstehen, was dahintersteckt, mit dem Autor zu reden“, berichtete der Literaturübersetzer. „Es muss dann schon so klingen, dass dieser Rhythmus des Autors reinkommt.“

Einem diesbezüglich ratlos mit dem Original ringenden Kollegen habe er einmal empfohlen: „Fang halt auf Seite zehn an, dann bist du drin.“ Denn viele Autoren verwendeten für die Einführung besonders viel Mühe, um erst später zu ihrem typischen Stil und Rhythmus zu gelangen.

Und eine weitere Beobachtung gab der humorvolle Literatur-Übersetzer zum Ende der Lesung preis: „Manchmal sind die Autoren viel langweiliger als die Bücher selber.“

 

Foto: Umberto Agnello

Text: Andreas Laich