Hermann Hesses erste Ehefrau Maria „Mia“ Bernoulli

© Suhrkamp Verlag, Berlin

Im Alter von 26 Jahren lernt Hermann Hesse 1903 in Basel die neun Jahre ältere Maria Bernoulli kennen, die - übrigens als erste Frau in der Schweiz - als selbstständige Fotografenmeisterin ein Atelier in der Altstadt betreibt und zudem eine begabte Musikerin ist. Die beiden unternehmen zusammen Reisen und bewegen sich in den Künstlerkreisen Basels. Kurz vor der Heirat im Jahre 1904 schreibt Hesse an einen Freund über Mia, diese sei eine Frau, die ihm „an Bildung, Lebenserfahrung und Intelligenz mindestens ebenbürtig, älter als ich und in jeder Hinsicht eine selbständige, tüchtige Persönlichkeit" sei. Nach der Hochzeit zieht das Paar nach Gaienhofen an den Bodensee; in dieser Zeit kommen 1905, 1909 und 1911 die Söhne Bruno, Heiner und Martin zur Welt. Mia, die schon immer ein nach innen gewandter Mensch war, zieht sich zunehmend in sich selbst zurück, in dem gleichen Maße wie ihr Mann aus der Bürgerlichkeit durch Reisen und durch die Arbeit flüchtet. Es entzieht sich der Beurteilung Außenstehender, was zuerst da war: die Fluchttendenzen Hermanns oder die Depressionen Mias. Der mittlere Sohn Heiner (1909-2003) erinnerte sich an seine Mutter aus der Berner Zeit als an eine lebenslustige Person, die viel mit den Kindern in die Natur ging, Bergtouren mit ihnen machte und Schwimmausflüge unternahm. Sie hätte wohl häufig unter Ischias gelitten, ihre psychische Krankheit sei aber erstmals 1918 ausgebrochen.

 

Fest steht, dass auch ein Umzug nach Bern 1912 die Ehe nicht mehr retten kann, so dass 1918 der Entschluss zu einer räumlichen Trennung in Hesse reift, zeitgleich mit einer drastischen Verschlechterung von Mias Gesundheitszustand, die zur Einweisung in eine psychiatrischen Anstalt führt. Auch in dieser Zeit behält Hesse eine grundsätzlich respektvolle Haltung und betrachtet Mia nach wie vor als starke Person. So schreibt er im Februar 1919 an eine Freundin, dass er Mia oft Unrecht getan habe und dass sie einen besseren Charakter als er und eine gute, starke Konstitution besitze. In dem Märchen "Iris", das Hesse nach der Trennung schreibt und Mia widmet, sagt er: "Am liebsten lebte sie, mit Blumen und Musik und etwa einem Buch um sich, in einsamer Stille. … Manchmal war sie so zart und empfindlich, dass alles Fremde ihr weh tat und sie leicht zum Weinen brachte. … Dann wieder strahlte sie so still und fein in einem einsamen Glück, und wer es sah, der fühlte, wie schwer es sei, dieser schönen und seltsamen Frau etwas zu geben und etwas für sie zu bedeuten." Nachdem Mia die psychische Krise überwunden hat, steht sie bald wieder "ihre Frau" und organisiert die Auflösung des Haushaltes in Bern und ihren eigenen Umzug nach Ascona. Im Alter zieht sie zunächst zu ihrem Sohn Martin nach Bern und später in ein Altersheim, wo sie im Alter von 95 Jahren stirbt. Bis zum Schluss ist sie vielseitig interessiert und widmet sich ihrem geliebten Klavierspiel.