Hermann Hesses zweite Ehefrau Ruth Wenger

© Suhrkamp Verlag, Berlin

Im Frühjahr 1919 verlässt Hesse Bern und zieht nach Montagnola bei Lugano in die Casa Camuzzi, wo er sich "wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt" in die Arbeit stürzt und das Malen als Quell der Freude entdeckt. Die Entdeckung der Natur, das Teilhaben am Lebensgefühl der Tessiner, ausgedehnte Wanderungen, Nächte mit Wein wechseln mit Verzweiflung, Rastlosigkeit, Depressionen. Immer wieder fährt er nach Zürich und Basel und geht auf Vortragsreisen. In dieser Zeit tritt die junge, attraktive Sängerin Ruth Wenger in sein Leben, die mit ihren Eltern die Sommer in Carona unweit von Montagnola verbringt. Über Ruth als Person, ihren Charakter, ihre Interessen erfährt man in den Biografien wenig; fest steht, dass Hesse sich allmählich in das Familienleben der Wengers integrieren lässt und sich regelmäßig bei ihnen aufhält. Zur Mutter Ruths, der Schriftstellerin Lisa Wenger, entwickelt sich eine enge, dauernde Freundschaft. Die Aussagen über den Charakter der Beziehung zwischen Hesse und der 20-jährigen Ruth Wenger widersprechen sich zum Teil. Ob nun eine heftige erotische Anziehung bestand oder ein mehr künstlerisches Verhältnis bestand – jedenfalls konnten die beiden selten eine länger dauernde Nähe ertragen. Sie sahen sich häufig, aber kurz, entweder in Carona oder in Basel wo Ruth Gesang studierte. 1924 heirateten sie, ohne dass sich im Alltag viel änderte. Ruth lebte vor allem für ihre vielen Haustiere, Hunde, Katzen, Papageien, was Hesse zunehmend auf die Nerven ging. Die häufige Präsenz der Eltern Wenger empfand Hesse zum einen als Erleichterung, weil es ihn von Verantwortung entband, zum anderen fühlte er mit der Zeit sich überflüssig. Beide Ehepartner zeigten bald Anzeichen von Unglücklichsein, aber es dauerte noch drei Jahre, bis es 1927 zur Scheidung kam. Der 2005 veröffentlichte Briefwechsel verdeutlicht eine intensive Liebesbeziehung, die jedoch nicht alltagstauglich (Hermann Hesse: Geliebtes Herz Briefwechsel mit seiner zweiten Frau Ruth. Suhrkamp Verlag 2005).