Erinnerungen von Heiner Hesse

"Die frühesten Erinnerungen an meinen Vater sind aus der Berner Zeit, Abendstunden, in denen wir ihn in seiner Studierstube besuchen durften. Tagsüber war er nicht zu haben, meist war er weg, im Büro in der Stadt, wo er praktisch den ganzen Tag über in der Kriegsgefangenen-Fürsorge arbeitete. Dort hatte er sogar einen militärischen Titel: Beamtenstellvertreter, mit einem minimalen Sold.

 

Wir wohnten außerhalb der Stadt Bern in einem großen Landhaus, dem "Ougspurgergut", dem einst ein Bauernbetrieb mit Scheune und Stallungen angegliedert war. Im oberen Stockwerk war die Studierstube, dort brannte im Winter manchmal auch ein Kaminfeuer. Hier durften wir uns dann unter Vaters Anleitung mit allerlei beschäftigen: Zeichnen aus freier Phantasie oder nach einer Vorlage, zum Beispiel eine Ritterburg nach einem alten Stich. Vater zeigte uns auch andere Bilderbücher, etwa die Tier- und Blumenmärchen von Kreidolf, mit dem er befreundet war. Auch fertigte er für uns eigene Bilderbücher, indem er Ausschnitte aus Zeitschriften, Illustrierten oder Kalendern in ein Album klebte. Leider existiert keines mehr von diesen Bilderbüchern. Auch Spiele gab es. Eines war ein Schreibspiel, bei dem wir uns auf ein nicht zu kurzes Wort einigten, aus dessen Buchstaben dann jeder von uns andere Wörter bilden konnte. Nach einigen Minuten des Überlegens und Schreibens wurde das Spiel abgebrochen und die Resultate verglichen. Manche der gefundenen Wörter wurden gestrichen, weil mehr als einer sie notiert hatte. Übrig blieben dann jene Wörter, die nur einer von uns gefunden hatte. Sie wurden gezählt, und wer die meisten hatte, war Sieger. Es gab auch ein Zeichnungsspiel, das wir gern spielten. Jeder hatte ein Blatt, auf dem er oben einen Kopf zeichnete, Mensch, Tier oder Ungetüm. Dann wurde das Gezeichnete nach hinten umgefalzt, so daß man nur grad noch den Halsansatz des Kopfes zuoberst auf dem gefalzten Blatt sehen konnte. Hier durfte nun jeder, nachdem man das Blatt dem nächsten weitergereicht hatte, einen Hals dazu zeichnen. Dann wurde nochmals gefalzt und weitergereicht, und nun sollte der Leib gezeichnet werden, und so weiter bis zu den Füßen. So ergaben sich mitunter ganz drollige Figuren aus diesem zusammengewürfelten Gekritzel: Nashorn mit Giraffenhals, Mensch mit Löwenkopf oder andere undefinierbare und mißratene Kreaturen. Aber stets war die Spannung groß und gab das Resultat viel zu lachen. Ein anderes Spiel, das schon unser Großvater in einem Büchlein beschrieb, hieß "Warum und weil". Auf einem Zettel notierte jeder Spieler eine Frage wie etwa: "Warum legt der Hahn keine Eier?" Dann wurde das Blatt gefalzt und weitergereicht. Nun mußte eine Antwort notiert werden, wobei jedem Spieler die umgefalzte Frage ja unbekannt war. Daraus ergaben sich oft unsinnige, manchmal aber auch verblüffend treffende Antworten. Ein Spiel, das der Phantasie größten Spielraum gewährt.

 

Auch ringen durften wir mit dem Vater. Dazu diente sein Kanapee. Es gab dabei natürlich bestimmte Spielregeln, Griffe, die verboten waren. Nicht selten ließ der Vater sich dabei besiegen - auch dies ein Stück "Erziehung", nämlich zum "Sichbesiegenlassenkönnen".

 

Von Literatur jedoch war nie die Rede, höchstens dann, wenn einer von uns Söhnen sich nach einem Buch erkundigte oder bei seiner Lektüre - zum Beispiel von Karl May, den mein Vater keineswegs ablehnte - ein Wort oder einen Inhalt nicht richtig kapierte. Niemals hätte unser Vater von sich aus über Bücher - gar über seine eigenen gesprochen. Als Sechzehnjähriger bekam ich eines seiner Gedichtbändchen geschenkt, dann den Eichendorff'schen Taugenichts. Aber mit seinen eigenen Schriften war Vater zurückhaltend, erst in späterem Alter, als ich immerhin neunzehn oder zwanzig war, durften wir den Knulp oder sonst eine der frühen Erzählungen lesen.

 

Aus: Erinnerungen der Söhne an ihren Vater Hermann Hesse, Hrsg. Uli Rothfuss.

 

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