„Ein Wunder ist, wie sie das macht“

Malgorzata Lukasiewicz wurde mit dem Calwer Hermann-

Hesse-Preis 2008 ausgezeichnet. Die Urkunde

überreichte Stiftungsvorsitzender Dr. Andreas Narr.

„Heute ist für mich ein großer Tag, ein Fest, sowohl in beruflicher als auch privater Hinsicht“, zeigte sich die Malgorzata Lukasiewicz überglücklich. Die polnische Übersetzerin (60) hat den mit 15 000 Euro dotierten Calwer Hermann-Hesse-Übersetzerpreis entgegen genommen. Die Übergabe des Preises durch den Stiftungsvorsitzenden Dr. Andreas Narr fand am 2. Juli, dem Geburtstag Hermann Hesses, in der Aula Calw statt. Der Preis - gestiftet von der Sparkasse Pforzheim Calw und vom SüdwestRundfunk - wird alle zwei Jahre vergeben und gehört zu den bestdotierten Literaturpreisen in Deutschland. Er wird im Wechsel jeweils als Übersetzerpreis und Preis für Deutschsprachige Literaturzeitschriften ausgelobt.

 

Malgorzata Lukasiewicz hat in Warschau Philosophie studiert und sich auch mit literarischen Aufsätzen einen Namen gemacht. Ihre 2006 erschienene Übersetzung des Briefwechsels zwischen Hermann Hesse und Thomas Mann wurde in Polen als Entdeckung gefeiert und hat der Hesse Rezeption neue Impulse gegeben. Neben Hesse hat sie auch deutsche Philosophen übersetzt, so zum Beispiel Adorno und Gadamer. Sie ist Mitglied im polnischen PEN-Club.

 

„Es bedeutet mir sehr viel, dass ich in der Gegend herumlaufen darf, mit der Hesse sich durch die ersten Erfahrungen seines Lebens so sehr verbunden fühlte“, bekannte Malgorzata Lukasiewicz. Wenn die Gemeinde derjenigen, die Hermann Hesse gelesen haben, heutzutage weltumfassend sei, „bin ich froh, dass ich dazugehöre und dass ich einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte“, meinte die Hesse-Preisträgerin bescheiden.

 

Die Laudatio auf die Hesse-Preisträgerin hielt Andrzej Kopacki von der Universität Warschau. „Vielleicht kann man sagen, dass das Wesen von Malgorzatas Umgang mit Literatur ästhetisch ist; dass sie ästhetisch denkt, das heißt, von der Wahrnehmung der Kunst ausgeht, um Quellenzustände zu erfassen, die weder „logozentrisch“ zu erfassen sind, noch sich in Grenzen der traditionellen Ästhetik erschöpfen“, formulierte Kopacki. Die Lebenspraxis (als Beruf) von Malgorzata Lukasiewicz sei, Meisterwerke zu schaffen, „die … denen zu Verwechseln ähnlich sind, die sie ihren Meistern verdankt. Zum Verwechseln ähnlich in dem Sinn, wie eine vorzügliche Übersetzung dem Original folgt, ihm in nichts nachsteht und sich als ein qualitativ gleichrangiges Literaturerzeugnis anbietet“, attestierte der Übersetzer und Publizist.

 

„Malgorzata Lukasiewicz ist Deutschland-Kennerin und wie es bei so bewanderten Menschen üblich ist, manches an ihrem Gegenstand lieben sie, manches überhaupt nicht“, machte Kopacki deutlich. Was sie liebe, sei „der souveräne, herzogliche, gutmütige, aristokratische, sensible, liberale, kunstoffene Geist Süddeutschlands, wie er sich im weggelaufenen Sohn eines Theologen und dessen literarischen Kontemplationen zu Wort meldet.“

 

„Was wunder, dass Lukasiewicz Hesse übersetzt? Ein Wunder ist, wie sie das macht, wie sprachlich meisterhaft sie unsere Wahrnehmung nicht zuletzt von Hermann Hesse zuwege bringt. Dafür schulden wir ihr als Leser Achtung und Dankbarkeit“, schloss der Laudator.

 

Kuratoriums-Vorsitzender Carl Herzog von Württemberg erinnerte in seinem Grußwort an die tief sitzenden historischen Wunden, die das Verständnis der anderen Kultur fast unmöglich gemacht hätten. Erst durch dieses Verständnis aber könne sich Vertrauen bilden. Er sei sicher, dass die Auszeichnung im Sinne Hesses sei. „Eine neue Generation hat in Polen die Chance, Hermann Hesse zu lesen. Diese bedeutende Leistung wurde heute gewürdigt“, gratulierte Seine königliche Hoheit.

 

Dr. Johannes Weiß, Programmchef des SWR 2, mahnte, es gelte der zunehmenden Beschleunigung und Verknappung der deutschen Sprache entgegenzutreten. Der SWR tue dies mit „Inseln der Entschleunigung“ in Form von Gedichtlesungen – natürlich auch von Hesse.

 

Beeindruckend war die deutsch-polnische Lesung mit Rudolf Guckelsberger und Andrzej Kopacki, bei der die Schönheit der Sprache Hesses besonders zu Geltung kam. Stimmungsvoll umrahmt wurde die für den Rundfunk aufgezeichnete festliche Verleihung durch die Aurelius Sängerknaben und ein Celloquartett der Musikschule Calw.

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