„Für mich ist Calw ein Geschenk“ - Hesse-Stipendiatin Zsuzsa Bánk fasziniert mit Einblicken in ihre Arbeit
Meldung vom 01.07.2016

Die vielfach ausgeszeichnete Schriftstellerin Zsuzsa Bánk wohnt bis Mitte August im Hesse-Geburtshaus am Marktplatz. Und sie bekannte: „Für mich ist Calw ein Geschenk“, spiele ihr aktueller Roman doch im Schwarzwald. Weil sie zum Schreiben einen „stillen, abgeschotteten, weltfernen Raum“ brauche, sei sie hier in Klausur gegangen. Ohne „Agressivität, Hatz und Lautstärke“ könne sie in der Hesse-Stadt an ihrem neuen Roman arbeiten, der im Frühjahr erscheinen soll.
In diesem Buch werden „zwei Lebenswelten gegeneinander gesetzt, die gesicherte gegen die Künstler-Existenz“, erzählte die mit ihrer Familie in Frankfurt lebende Autorin. Der Schwarzwald als „Gewebe aus Natur, Mystik, Märchen“ spiele dabei eine tragende Rolle.
Wie bei ihr der Wunsch zu schreiben entstanden sei, fragte Herbert Schnierle-Lutz im gewohnt locker und souverän geführten Zwiegespräch. Zu schreiben habe sie sich immer gewünscht, davon leben zu können aber nie für möglich gehalten, bekannte die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin. Ihre Romane „Der Schwimmer“ und „Die hellen Tagen“ erzielten hohe Auflagen, letzterer führte monatelang die Spiegel-Bestsellerliste an. Bei der Arbeit am „Schwimmer“ habe Sie sich gesagt, „das schreib ich jetzt und geh‘ wieder zurück in mein bürgerliches Leben.“
„Wie Menschen, die in Sirup gefallen sind und sich nicht bewegen können“ seien ihr die Akteure im „Schwimmer“ vorgekommen, erzählte Szusza Bánk, deren Eltern 1956 aus Ungarn fliehen mussten. Dieses Leben unter einer Glasglocke habe sie interessiert, die Geschichten im Buch zwar erfunden, beim Personal gebe es gleichwohl Züge, „die sicher wiederzuerkennen sind.“
In „Die hellen Tage“ schreibe sie über „Menschen, mit denen ich gerne Zeit verbringen würde.“ Sie umgebe sich immer „mit Personal, das mir liegt“, erzählte Frau Bánk. „Schließlich muss ich die Zeit bis zur Veröffentlichung auch aushalten.“ Am Beginn des Schreibens stehe bei ihr meist ein Gefühl, eine Frage wie „Sind wir in der Lage, uns von einem Trauma auch zu befreien?“ Oder „was fügt unser Leben zusammen?“
Die Figuren ihrer Romane zu entwickeln bereite ihr großen Spaß, offenbarte die Mutter von zwei Kindern. „Ich weiß genau, wie Evis Gesicht aussieht, wo der Leberfleck ist“, erzählt sie über eine ihrer Hauptpersonen in „Die hellen Tage“. Auch wenn die Figuren erfunden seien, müssten sie nach eine bestimmten Logik handeln, hätten „ihr eigenes System und ihr eigenes Leben.“ Deshalb weiß Szusza Bánk am Anfang einer Geschichte, die sie nur mit einer vagen Idee beginnt, auch selbst noch nicht, „was auf Seite 450 passiert; „ich bin nur für den Anfang zuständig.“ Sie habe keine Distanz zu ihren Figuren entwickelt, „sie verlassen mich nicht, besiedeln meinen Kopf.“
„Großartig, wenn’s getan ist, weil es mich wirklich knechtet. Es ist wie eine Erlösung“, gesteht die Hesse-Stipendiatin, wie Sie sich nach Abschluss einer Romans fühlt. Dann kehre sie zurück in ihr normales Leben.
Wie erfüllend für den Leser Zsuzsa Bánks Schreibarbeit und Erfindungskunst sind, durften die Besucher im Calwer Hesse-Museum bei einer längeren Lesung aus „Die hellen Tage erleben. Wunderbar vorgetragen fasziniert die bildhaft leichte, stetig dahinfließende Sprache der in sich ruhenden Autorin mit einer eigenen Rhythmik und Melodie – einem guten Musikstück gleich. Wer zuzuhören bereit war, konnte sich dem Sog dieser virtuos gewobenen Sätze nicht entziehen.
Text und Bild: Andreas Laich
