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Ulrich Schacht

Ulrich Schacht im Gespräch mit Dr. Andreas Narr
SPK

„Der Autor ist souverän. Die Politik kann in seine Biographie und in sein System passen – nie aber er in das Ihrige.“ Mit diesem Zitat verneigt sich Ulrich Schacht nicht nur vor Ernst Jünger und stellt es seinem jüngst erschienen Band „Über Schnee und Geschichte“ voran. Dieses Zitat charakterisiert den 45. Stipendiaten der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung auch selbst.

Stephan Scholl, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw nutzte die Begrüßung zum Bekenntnis zur Hesse-Stiftung. „Wenn jemand im Knast geboren wird, scheint seine Biografie vorgegeben, verwies der neue Sparkassenchef auf Ulrich Schachts – nicht nur bis 1976 in der DDR – turbulente Vita.

„Ein Gast, der sicher ein bischen aus den Rahmen fällt und Debatten auslösen kann“, stellte Stiftungsvorsitzender Dr. Andreas Narr mit Blick auf die durchaus kontroverse Rezeption Ulrich Schachts in seiner Begrüßung fest. „Dass es sich um einen streitbaren Mann handelt, ist nicht verborgen geblieben“, sagte Dr. Narr, versicherte dem „zu Widersprüchen reizenden Kandidaten“ aber zugleich: „Wir halten Ihnen für drei Monate den Rücken frei, um neue Kraft zu schöpfen und kreativ zu sein.“

Einmal mehr meisterhaft führte Egbert-Hans Müller, Berater der Stiftungs-Findungskommission und lange Jahre deren Vorsitzender, in Leben und Werk des vielfach ausgezeichneten Schriftstellers ein: „Protestant im übertragenen Sinne ist Ulrich Schacht durch und durch. Er begleitet die geistige und politische Entwicklung besorgt, kämpferisch die terrorostischen Systeme von links und rechts ablehnend, wie das, was sich als Mainstream gibt, von Meinungsmachern als political correctness vorgegeben wird; Ulrich Schacht begleitet fordernd, seine Gegner herausfordernd, sie mitunter recht scharf benennend.“

Ulrich Schachts Start ins Leben – seine Mutter brachte ihn als politische Strafgefangene im Frauengefängnis Hoheneck dort 1951 zur Welt – zeichnete eine wechselvolle Vita vor. Aufgewachsen in Wismar, absolvierte Schacht nach der Grundschule zunächst eine Bäckerlehre, war später als Hilfspfleger in psychiatrischen Einrichtungen tätig und studierte nach der Sonderreifeprüfung evangelische Theologie in Rostock. Dort exmatrikuliert setzte er sein Studium an der evangelischen Predigerschule in Erfurt fort, war Bühnenarbeiter im Mecklenburgischen Staatstheater und in Berlin. 1973 wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, wurde er 1976 in die Bundesrepublik entlassen, studierte politische Wissenschaften und Philosophie in Hamburg, arbeitete als Feuilletonchef, Chefreporter für Kultur für Die Welt, Süddeutsche Zeitung, Rheinischer Merkur, Die Zeit und Merkur. 1990 wurde er mit dem hochangesehenen Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet. Bis 1998 lebte Schacht in Hamburg, seitdem in Schweden.

In einer Hörbuchreifen Lesung demonstrierte der 61-jährige Hesse-Stipendiat dann seine einzigartige Sprachkunst; eine beinahe unfassbare Informationsfülle in sehr langen, meisterhaft gestalteten Sätzen. Bildstarke Formulierungen – „dass der Schrei ‚Hexe‘ wie ein Geschoss durch die Scheiben schlug“ – „ein Erinnerungstreibsatz im Nacken“ – entführten die Zuhörer in die Landschaft Schwedens, wo die die Erzählung „Ade, Ade“ aus dem Band “Kleine Paradiese“ spielt.

Andreas Laich

Zitat der Woche

„Phantasie ist die Mutter der Zufriedenheit, des Humors, der Lebenskunst. Phantasie gedeiht nur auf dem Grunde eines innigen Einverständnisses zwischen dem Menschen und seiner Umgebung.“

Aus Hermann Hesses Betrachtung „Von der alten Zeit“, 1907